Spannweite

Wichtige Themen von Otto Bartning in der Linie des Kristallgedankens
Spannweite, Vom Monismus der Kunst 1909, Seite 26-28

Monismus: Die Erkennung, dass alle Erscheinungen des Lebens untereinander zusammenhängen, sich gegenseitig bestimmen und somit Teile eines Ganzen sind.

Bartning beschreibt hier im kurzen die Grundrisse eines funktionellen Paradigma, wie artes Sophiae unabhängig von Bartning nahezu 50 Jahre später, dass weiter entwickelt hat. (Ab Anfang 1900 von dem neuen funktionellen Paradigma)

Diese Erkenntnis ist der fruchtbare Kern des Monismus und muss alle Gebiete des Lebens und Arbeitens durchwachsen. Der Gedanke ist nicht neu, aber neu ist wohl, dass er uns klar vor das Bewusstsein getreten ist.

Es ergeben sich daraus zwei Aufgaben, zwei Richtungen unserer Arbeit.

Die eine ist die Analyse, das andere die Synthese. Keine von beiden trifft allein das Richtige, beide gehören zusammen, können ja nicht ohne einander bestehen. Analyse und Synthese sind natürliche und notwendige Funktionen des menschlichen Vorstellungs- und Denkvermögens. Wichtig ist das Gleichgewicht zwischen Analyse und Synthese herzustellen. Siehe hier die Essenz von System Dynamik, wie artes Sophiae das entwickelt hat.

Der Analyse: Die lebendig verschlungene Fülle der Gedanken- und Erscheinungswelt in Teile auflösen, um diese quantitativ zu erforschen. In der Naturwissenschaft wird diese Richtung Materialismus genannt. Die Welt zerfällt in eine immer mehr sich differenzierende Menge von Kräften oder Stoffteilen, die so und so aufeinander wirken in Wechselwirkungen aufeinander einwirken. Warum und zu welchem Ende darf nicht gefragt werden, das wäre Irrtum, das wäre Metaphysik. Alles ist Zufall, der auch die kleinsten Teile durcheinander schüttelt.

Der Synthese: Alle Erkenntnisgebiete untereinander verknüpfen, um die Erscheinungen in ihrem qualitativen Zusammenhang zu begreifen, denn nur aus dem Ganzen begreift man die Teile, besser die Glieder.

Bartning redet von Analyse und Synthese, weil er auch die Kunst in ihrem Zusammenhang begreifen (analytisch) und verstehen (synthetisch) wollte. Nur analytisch wird Kunst reiner Artismus, reiner Formalismus (zerfallend in Formen). Dagegen soll die Kunst uns zum Leben führen. Zum Beispiel ist Rhythmus das Synthetische in der Musik, da sie das Viele in Eines verbindet. Das Eine ist die Idee, der geistige Inhalt, die nur die große Einheit der Form schaffen konnte.

Synthese in der Architektur will Raumgebilde mit einer gewissen Raumspannung. Alle Bauteile und Bauglieder werden zusammen gefasst zu einer einzigen Wirkung, zu einem Ganzen. Raumgebilde nach außen ist Raumfolge im Innern.

Philosophie strebt nach Metaphysik, Musik nach Gesetz und Rhythmus, Dichtung nach Gedanken, Malerei nach Aufbau und Gestalt, Baukunst nach Raum. Raum der wie eine klare und deutliche Gestalt, mit raumgestaltenden Elemente, sich darstellt, den Mensch umschließt, wie ein Hohlgebilde, wo (in dem) der Mensch sein Leben erfüllen könnte.

Wir brauchen eine neue Wissenschaft von den Elementen des Raumes, ein Gefühl des Raumes, eine Kunst des Raumes. Im kurzen Funktion, das Funktionelle mit den Raum schaffenden Elementen.


Spannweite, Das Werkbundproblem, 1914, Seite 29-31

Dieses Aneinander-Vorbeireden ist kein unglücklicher Zufall, sondern eine unheilvolle Notwendigkeit des (ontologischen Paradigmas, A.V.) in ihrer Zwitterhaftigkeit zwischen Teile und dem Ganzen. Eine Zwitterhaftigkeit zwischen dem produzierenden Prinzip (das Schaffende) und der Produktion der Produzenten. Schaffen heißt produzieren in einem Zusammenhang mit dem Ganzen und nicht nur Teile assemblieren ohne Rücksicht auf das Ganze. Das bildnerische Denken versucht diese Zwitterhaftigkeit zu ermitteln in klaren Bildräumen mit deutlichen Begriffen.


Spannweite, Ohne Schnörkel, 1948, Seite 32-34.

Bartning zögert nicht zu behaupten, dass die Jahre 1920 bis 1930 die lebendigste Epoche der bildenden Kunst seit hundert Jahren war. Die 1920er Jahre (von 1920 bis 1930) waren eine lebendige, glühende und wahrhaft berauschende Epoche, fast einzigartig in ihre Vitalität. In dieser Epoche entfaltete sich der Grundgedanke von 1900. Das Schaffen bekam damals auch ein Beiklang des Sozialethischen. Die werkgerechte, sachgemäße und also sparsame Form war sittliche Pflicht des Schaffenden geworden. Weiter soll das Schaffen in seiner tiefen Verpflichtung aristokratisch sein, radikal in seinem Drang vorwärts, seinem Wesen nach universell.

Bartning: Möbel, Häuser und Kirchen dürfen nicht nur Gebrauchsgegenstände sein, sie müssen Gestalten der Seele sein, denn sonst geben wir Steine statt Brot. Die Form (so meinte Bartning) IST der sichtbare Leib des Wesens, und gerade in `unserer Armut´ können wir es uns nicht leisten, ein einziges Gerät herzustellen, das nicht zugleich `eine Speise der Seele ist´. Diese Form ist nicht teurer, sondern sie ist sachgemäßer und dennoch preiswerter. Diese Form zu suchen, zu schaffen und zu vertreten ist unsere Pflicht. Dieses Streben war noch eine Untergrundbewegung und fragt ein eng zusammenstehen und ein klares Profil. Es geht darum Sinn und Gestalt des Daseins zu erkennen, zu wollen und zu bilden. Das Dasein neu erschaffen mit einem reinen Sinn und einem klaren Kopf, braucht, wie beim Bau der Mauern von Jerusalem, gut geschliffene Meißel.


Spannweite, Zur Neubegründung des Werkbundes, 1949, Seite 35-36

Wo bleibt die Kunst im Bauen? Ist sie ein Akzidens, ein Luxus, dem kein Raum bleibt im Engpass der Werkstoffe und der Zahlen? Ganz im Gegenteil: nur der Architekt, der Werkstoffe und Zahlen völlig beherrscht, kann sie zur Form, zum stillen Klang der Proportionen sowohl der Räume wie der Fenster und Türen und der Geräte bringen. Eine höchst bescheidene, zugleich schier unermessliche Aufgabe. Gilt es doch für das grässlich verstimmte Lebenslied der Menschheit den neuen Ton zu finden. Vielleicht die Größte, die extremste Aufgabe, die jedem Baumeister gestellt wurde. Sie erfordert Willenskraft, Klugheit und – Liebe zu den Menschen. Denn nicht trotz, sondern wegen unserer Armut können wir´s uns nicht leisten, irgendein Gebrauchsding zu machen, das nicht zugleich eine Speise der Seele wäre.


Spannweite, Die Baukunst als Deuterin der Zeit, 1922, Seite 37-38

Unsere Zeit ist chaotisch, alles Feste und Erstarrte hat sich in wirres Durcheinander aufgelöst. Es gibt keinen Ausweg und keinen Rückweg. Wir können nur festhalten an dem Einfachen, dem Einfältigen. Bartning glaubt in das ahnende Schauen des Ureinfachen, Ureinfältigen, das uns zwingt neu zu erschaffen.

Die Baukunst scheint mir die ehrlichste Zeitdeuterin, weil sie, mit dem zähesten Stoff ringend, nicht leichthin spielt, sondern tut, was sie nicht lassen kann. So betrachtet, scheinen auch Skizzen und utopische Entwürfe wohl das phantasievolle Hoffen und Wünschen einer Zeit widerzuspiegeln; das dieser Zeit von Gott gegebenen Können und Vollbringen wird aber am gebauten Bauwerk erkennbar. Auf gebauten Bauwerke die Hand zu legen und zu sagen: siehe, dies ist es, dies ist die Gestalt dessen, das wir suchen: Werke wo man das Wirken fühlen konnte.

Das Lebendige ist rund und allseitig. Der Formwille ist lebendig. Er will das einfache Raumelement formen, er will die Raumelemente zueinander und auseinander dynamisch bewegen, nicht willkürlich und subjektiv, sondern nach dem ureinfachen Gesetz rhythmischer Bewegung und den ureinfältigen Gebot des Handwerks. So, glaubt Bartning, müssen wir Herz und Sinne offenhalten für Menschen und Werke, in denen aus dem Chaos das Ureinfache wächst, der nach bewegendem Willen sich ordnende Stoff Gestalt wird.


Spannweite, Über altes und neues Handwerk, 1924, Seite 39-41

Die Kultur, die Gegenstand öffentlicher Pflege wird, ist meist schon unheilbar krank oder bereits gestorben.

Wer ein Werk vergangener Jahrhunderte ernsthaft betrachtet und der darin eingeschlossenen Seele still nachspürt, der wird gewahr, der konnte es wieder beleben.

Aus den Wurzeln kann es neu treiben, wird es neu treiben, irgendwo und irgendwie. Wurzelverwandt konnte das neue Handwerk an das alte Handwerk sein, wenn sie einander im Schaffen von Innen heraus verstehen.

Der schaffende Mensch ist Handwerker, der formschöpferische Mensch wächst im Handwerk, schafft im Handwerk, gibt dem Handwerk zunftgemäss höchsten Sinn.

Die Arbeitsteilung in Entwurf und Ausführung, zwischen Künstler und Handwerker, soll sich herstellen in eine zusammenfügen. Einander päppeln schöpferisch zu werden. Wichtig ist, dass das schöpferische Vermögen nicht lehrbar ist, deswegen bleibt das Handwerk Wurzelverwandt von dem die Baumkrone wachsen kann.



Handwerker werden, Handwerk lernen und treiben, nicht als bloße Brücke zur Kunst, sondern als Lebensgebiet und Lebensberuf, in und aus dem sie schöpferisch arbeiten.

Dazu gehören persönlicher Mut, Charakter, Willensstärke, innere Unabhängigkeit, ruhiges Abwarten des Erfolges – alles Eigenschaften, die eben überhaupt zum rechten schöpferischen Menschen gehören, heute aber wenig geschätzt sind.

Es handelt sich um schöpferischen Aufbau des neuen Werkmenschen, des neuen Werkstandes aus innerer und äußerer Lebensnotwendigkeit heraus.

Das Wie entsteht aus einer Subjekt- und Objektbezogen Grundhaltung, wie von artes Sophiae entworfen.

Einstweilen bleibt es dem einzelnen überlassen, den Weg zu ahnen, zu suchen und zu erarbeiten. Es liegt im Wesen der Sache. Schließlich ist das Leben immer wieder jung, gesund und fruchtbar.


Spannweite, Nach einem inneren Gebot, 1926, Seite 42-44.

Starke Gegensätze geben ein Bild von der Polarität aller Lebensvorgänge.

Aufwärts Steigerung der Einzelpersönlichkeit, abwärts Vereinsamung und Absonderung.

Aufwärts wirklicher Gemeinschaft, abwärts Individualismus.

Aufwärts organische Belebung und Dynamik, abwärts Mechanisierung und Erstarrung

Dazwischen die ungeheure, zuweilen schmerzhafte Spannung.

Aufwärts das Allzu-menschliche, abwärts das Un-menschliche, dazwischen das wahrhaft Menschliche.

Es ist Aufgabe und Schicksal wahren Menschentums und damit wahrer Kunst, immer wieder den Ausgleich zwischen diesen polaren Spannungen und damit den lebendigen Funken auszulösen.

Stets haben Programme und Doktrinen zu den Extremen geführt. Stets waren sie eindeutig, einseitig, leicht fassbar, propagierbar, reklamefertig – und dabei dem Wesen nach schon tot.

Wahre Menschen, wahre Wissenschaft, wahre Kunst entwickeln sich ans wirkliche Leben, ans Natürliche, ans Gewachsene, immer dazwischen stehend, oft von beiden Seiten bekämpft und doch dazu bestimmt dem Leben zu dienen.

Solches Menschentum folgt seinem Wesen nach und trägt sein natürliches Gesetz in sich und entfaltet es in der Stille.

Wenn wir daher in unserer Schule (wie artes Sophiae) als Menschen am Menschen arbeiten, so geschieht es in der Stille, mehr nach einem inneren Gebot, als nach einem äußeren Programm.

Jede Erscheinung der Welt fließt zusammen aus zahllosen Quellen und Wurzeln der Vergangenheit, wird durch die Tat zur sichtbaren Form der Gegenwart und zerfällt wieder, gleich der reifen Frucht, um tausendfältigen Samen in alle Windrichtungen der Zukunft auszustreuen.

Bartnings Mitarbeiter wissen, wie sehr er dem ungesprochenen Wort huldige, als einer Kraft der Seele, die nicht scheidet und tötet, sondern verbindet, schafft und zum Bauwerk gestaltet.

Bauen in diesem umfassenden Sinn heißt: die ungeheure Zerrissenheit unserer Zeit verbinden mit ihren großen Möglichkeiten. Unser Dasein, soweit es im Sichtbaren verläuft, ordnen und dadurch vereinfachen, gestalten und dadurch beherrschen, formen und dadurch deuten.

Das heutige Leben ist hart; wer darin wirken will, muss eine sichere Hand und stählernes (system-dynamisches) Werkzeug haben, damit er sein Herz empfänglich und sein Gewissen rein verewigen kann.


Spannweite, Die Technik im Dienste des Wohnens, 1928, Seite 45-47.

Wie formen und ordnen (ins Verhältnis zueinander bringend) wir unseres Daseins, möglichst einfach der Sache gemäß? Wie entsteht lebendige Vereinfachung?

Formen und ordnen ist hier als ein ins Verhältnis zueinander bringender dynamischer Prozess gemeint, in dem man in der Spannung der extremen Polaritäten, wie auf einem Hochseil die Balance und das Gleichgewicht finden muss. (Skai)

Es gibt recht viele Systeme. Es fehlt die Erfahrung. Das fragt Mut zum Versuch Erfahrungen zu sammeln und eine ruhige einfache menschliche Einstellung.

So entsteht die Aufgabe, sich so weit möglich außerhalb der Einzelprobleme zu stellen, um diese recherchierend im großen Zusammenhang zu sehen. Um diesen Zusammenhang untersuchen zu können, muss man auch ein passendes Werkzeug einsetzen oder auch dazu entwickeln, um die Interaktion zwischen unwesentlich und wesentlich, von Mittel und Zweck zu klären. Zum Beispiel, technische Schnelligkeit ist vielleicht ein Mittel, wird Schnelligkeit ein Zweck an sich, endet der Mensch früher oder später im Irrenhaus.

Tatsächlich versucht Technik sich unseres Körpers, unserer Seele, unseres Geistes zu bemächtigen, wenn es uns nicht gelingt, sie in unsere Gewalt zu zwingen, sie unserem Zweck dienstbar zu machen, dienstbar zu halten.

Die Aufgabe ist größer als man denkt, sie war und ist und bleibt die Aufgabe des Menschen überhaupt und heißt: den tieferen Zweck oder Sinn des Daseins erkennen und erfüllen. Nicht durch Ablehnung der Umwelt (Technik, usw.), nicht durch betäubte Hingabe an die Umwelt (Technik), sondern durch eine Durchdringung, Ordnung und Strukturierung der technischen Umwelt, im materiellen und geistigen Sinne, um unser Leben wahr und klar zu machen.

Wir müssen bewusst ein gemeinsames ganzheitliches Ziel verfolgen: den Körper, die Seele, den Geist gesund zu machen, frei zu machen, stark zu machen, zu heilen. Nicht nur frei von materiellen Bedingungen, sondern auch frei wozu. Die Bereitschaft üben als Gestalt des Geistes.

Unser ganzes Sein will sich formen gleichsam zu einer wunderbar einfachen, klaren, spiegelnden Schale. Wozu aber spannt sich die reine Form der Schale? Zur reinen Erfüllung unseres innersten Seins, zu echter Religion. In dieser Schale will unser Menschsein sich erfüllen.


Spannweite, Überlieferung und bewusste Kunst, 1915, Seite 51-54

Die Ursache der Haltlosigkeit und Willkür der damaligen Moderne kann man darin erblicken, dass man aus dem Nichts heraus einen neuen Stil hatte erfinden wollen, statt ihn ruhig und folgerichtig aus der Vergangenheit ... heraus zu entwickeln, ...

War und ist solches Zurückgreifen auf Traditionen nicht ein natürlicher, ein logischer, ein historisch erprobter Weg zur Gesundung und zur Weiterentwicklung?

Der Gedanke..., den verlorenen Anschluss an eine Tradition wiederzugewinnen, um festen Fuß zu fassen und von da kräftig auszuschreiten, waren seinerzeit durchaus wichtig. Das halten wir fest.

Aber ebenso deutlich ist es, dass unsere Traditionsbewegung sich wesentlich von den früheren unterscheidet. Man muss nicht nur kopieren, sondern auch etwas völlig Neues und Lebendiges schaffen. Das Wesentliche der vergangene Tradition nicht nur begreifen und verstehen, aber auch aneignen durch die künstlerische Sprache ihrer Quellen zu sprechen.

Keine Form tritt auf, weil sie überliefert wäre...., sondern die Neuschöpfung erzeugt jede Form durchaus notwendig aus sich heraus als den sinnfältigsten, einfachsten Ausdruck neuen Bauwillens, des neuen Bauinhalts.

Es ist selbstverständlich, dass ein schöpferischer Künstler auch in Formen der Tradition sich schöpferisch ausprägen wird, ... nicht nur eine kleidsame traditionelle wesenlose Form nutzen.

Dem erwachenden Bauinteresse und Bauhunger werden Tag für Tag Steine gegeben statt Brot, Form statt Wesen, Tod statt Leben. Wie kann man ein Bauwerk nicht nur konstruieren, sondern auch finden (nicht erfinden).

Bauen heißt Räume schaffen. Entwerfen heißt die einfachste Form finden. Der einfachen Fassbarkeit. Grundriss ist keine Sache für sich, sondern nur die senkrechte Projektion der Gesamtvorstellung des Bauwerkes, Aufriss und Schnitt sind waagerechte Projektionen.

Denn zuerst kommt die Gesamtvorstellung, die Idee des Gebäudes in den Kopf des Künstlers, dann folgen die Projektionen, die Aufzeichnungen. Eine Lösung des Entwerfens liegt erst dann vor, wenn der gesamte Entwurf der klarste, einfachste Ausdruck der Idee geworden ist.

Damit ordnet sich auch das Verhältnis der Formen zum Wesen, indem die Formen ausschließlich die Aufgabe haben, die wesentliche Gesamtvorstellung aufs deutlichste und klarste auszudrücken.

Es ist ein trivialer Glaube, dass moderne Formen eine moderne Baukunst erzeugen könnten. Wohl kann eine neue Bauidee neue Ausdrucksformen gebieterisch fordern und als Bild ihres Wesens aus sich hervortreiben, andernfalls bleiben alle neuen Formen wesenlose Dekorationsflitter.

Das Wesen der Baukunst ist bewusste Kunst und damit wird eine klare Grundlage für alles Werdende geschafft. Was aber wird nun werden? Aus der Vergangenheit gekommenen Begriff des gegliederten, artikulierten Bauwerkes und eine Entwicklung zum rein Monumentalen, d.h. zum Ausdruck die in gewisse Verhältnisse gebrachte Masse, ... von Formlosen Materiale.

In allen lebendige Zeiten waren die architektonischen Detailformen nicht nur räumliche Gliederungen und Verdeutlichungen, sondern stets der höchstbildsame Ausdruck des dem Gebäude innewohnenden Bauwillens,...

Plastische Kraft ist der Ausdruck eines immanenten Willens, wirklich nur den Ausdruck ihres eigenen Willens, so wäre das die einzig mögliche und gesunde Entstehung der neuen Formen, das heißt eine neue Formensprache. Doch hier beginnt ein Weg, der nicht mit Worten, nur mit wirklichen Taten zu beschreiten ist, weil es sich um ein wirkliches Schaffen handelt.


Spannweite, Liebe zum Holz, 1956, Seite 55-62

Von Liebe zum Holz zu reden, klingt das nicht hoffnungslos romantisch?

Ich habe mir aber einen Leitfaden notiert, an Hand dessen wir zu einem Ergebnis gelangen wollen, dass das, was wir wegwerfend Romantik nennen, zuweilen hellsichtige Vorwegnahme später Erkenntnisse und höchst realistischer Sachverhalte ist, und dass auch unsere Liebe zum Holz eine solche uralt begründete helle Sicht und Einsicht in Zusammenhänge ist, die wir heutzutage messen und berechnen können – und hoffentlich morgen befolgen.

Vorstellungen kann man auch erfahren, erfahren aber heißt fahren. Deshalb schwöre ich auf Anschaulichkeit. Gerade in unserer Welt riesenhafter, unvorstellbarer Zahlen und Statistiken ist die Anschauung, ist die unmittelbare Erfahrung und Erkenntnis der Augen und aller Sinne ungeheurer wichtig. Denn wir sind in der akuten Gefahr, durch nicht vorstellbare Mikro und Makrozahlen auf das natürliche Urteil zu verzichten und dabei – zwar nicht den Verstand, aber die Vernunft zu Verlieren! Dann aber droht, das ahnen wir, absolute Lebensgefahr!

Eine ganz neue Art der Anschauung schenkt das Fliegen. Das Fliegen ist, was Einsicht anbelangt, das Korrelat zum Wandern. Dazwischen liegt das Autofahren.

Das sind Ein-sichten, Er-fahrungen von solcher Vehemenz, das sie einem ans Herz und erst übers Herz ins Bewusstsein greifen.

Wir misstrauen heute dem Gefühl von Grund auf und überhören seine leisen Warnungen, weil dieses Gefühl statt genauer Zahlen und brauchbarer Beweise nur so törichte Worte wie schön oder natürlich gebraucht.

Aber jeder von uns kennt unterbewusste Gefühlsreaktionen, die durch die Augen, die Ohren, das Tastgefühl, ja auch durch die Nase uns merkwürdige Signale und Warnungen geben – deren wir uns aber als moderne Menschen schämen und die wir mit Messinstrumenten, Diskussionen und Statistiken schnell zum Schweigen bringen. Aber meistens war der Eindruck jener ersten Minute verdammt richtig. Solche Eindrucke sind verlässlicher als hundert Teste mit ihrem dezimal-genauen Resultat. Dieser stille Eindruck ist wahrscheinlich unser schweigender Lotse im heutigen Nebel – und unsere letzte Rettung im morgigen Sturm.

Holz, Stein und Lehm sind die Urstoffe des Bauens auf dieser Erde. Holz in einem ganz besonderen Sinn. Holzbau bedeutet ein Gefüge, eine konstruktive Entfaltung und Gliederung der aus der Schwerkraft der Erde sich erhebenden Kräfte. Holz ist also der Urstoff des konstruktiven Bauens. Wo auf der Erde Holz wächst, da baut der Mensch mit Holz. Weil Holz Zug- und Biegefestigkeit und eine lebendige Sehnigkeit hat und deshalb sieht man überall dieselben Konstruktionen.

Madeira heißt Holz und Wald. Materie, der philosophische Urstoff, ist Holz. Und bei Aristoteles heißt dieser Urstoff Hyle, und Hyle bedeutet griechisch Holz und Wald. Es zeigt, wie urverwandt dem Menschen das Holz war und ist. Es zeigt aber auch, wie die frühe Philosophie gerade das kraftgespannte, struktive Holz dem Urelement der Welt gleichsetzte, dem Urelement, mit dessen kraftgespannten, struktiven Eigenschaften...und es spielt sich innerhalb der Masse und der Fasern des Balkens die Funktion des Dreiecks ab, nämlich mit Zugzone, Druckzone und Abstand dieser Zonen voneinander.

Zu diesem statischen Fühlen, Sehen, Denken und Wissen von der Aufgliederung der Kräfte in gelenkig, verbundene Stäbe und vom unverschiebbaren Dreieck ist das Holz unser Lehrmeister, seit Jahrtausenden. Nun gelangen wir zur scharf berechneten verleimten Holzkonstruktionen, die alle vorherige Zimmermannserfahrung weit übersteigen.

Holz ist und bleibt der immer bereite und vertraute Baustoff. Er ist gefügig und wirtschaftlich in jenen Handwerkerhänden, in denen Erfahrung wirksam ist, uralte Erfahrung des Menschen im Umgang mit dem Holz.

Denn eine der unübertrefflichen Eigenschaften des Holzes ist und bleibt sein akustisches Verhalten. Darin ist Holz wirklich nicht nur der älteste, sondern der beste, der intimste Freund des Menschen.


Spannweite, Das Zelt in der Wüste, Seite 64

Wir sind nun Kenner der Wüste geworden, der äußeren wie der inneren. Die äußere Wüstenei sind die sichtbar zerstörten Städte in und nach dem Krieg, die innere Wüste ist zu finden in Menschen, die mitten in aller Wohlgeborgenheit oder Zerstörung unsichtbar sich ausbreitet.

Wir haben erfahren, was es heißt, wenn alle gelernten Worte versagen und wenn jenes zweite Ich wortlos nach jenem ewig Ungenannten ruft, der in uns wirkt und dessen Wirken allein der Sinn unseres Lebens und Überlebens ist.

Wo aber zwei oder drei in der Wüste sich treffen und am besonderen Blick der Augen sich erkennen, da bleiben sie beisammen und bauen mit einander ein Zelt, um ihre Gemeinschaft des Geistes sichtbar und also auch in den Sinnen wirksam zu machen. Mit anderen bilden sie eine Gemeinschaft des Schweigens, des zögernden Redens und des plötzlichen Betens und Singens.

Seht, diese vom Boden auf zueinander geneigte und zum Rund sich schließende Konstruktion, sie ist ein solches Zelt in der Wüste. Wir wissen aber, dass gerade in der Wüstenei der Stadt, dass in der Not und Verwirrung der Seelen die klare Ordnung, die Einfalt und unbedingte Ehrlichkeit dieses Zeltes von tiefster Bedeutung sind.


Spannweite, Erneuerung aus dem Ursprung, 1946, Seite 65-68

Wer wüsste nicht, wer hätte nicht erlebt, wie die Gestalt des Raumes, die Art des Lichtes zu Boden drücken oder aufheben und aufleuchten lassen können. Die Art des Gebens könnte den Lebenswert der Gabe zerstören oder ihn verdoppeln und verdreifachen. So wichtig ist der Wert des Sichtbaren!

Im Geistigen wissen wir, dass die Aufgabe nicht lösbar ist, wenn wir die Notlage nicht erkennen und erkennbar machen, das heißt: ausdrücken, sichtbar machen. Der Gedanke ohne Wort, der Inhalt ohne Form, lebt nicht. Die tiefste seelische Not macht feinfühlig für die Einfalt und Lauterkeit der Beziehung zwischen Gedanken und Wort, also für die echte `Schönheit´ der Gestalt. In diesem besonderen Sinne ist `schön´, der Seele eine Botschaft aus dem ewigen Zusammenhang der Dinge, aus dem `Kosmos´ (dem `Schöngefügten´) bringen.

Den Wert der greifbaren, sichtbaren Form, in der das Wirken, die Tat sich darstellt, muss man hochachten. Aus diesen Werten entstand Anfang 1900 der Deutsche Werkbund. Er bemühte sich um die klare, material- und naturgemäße, reine, echte Form, kurz, um die `Qualität´. Zweck des Bundes ist die Veredlung der gewerblichen Arbeit im Zusammenhang von Kunst, Industrie und Handwerk. Dieses Kriterium der Qualität ist nicht dogmatisch definierbar, sondern konnte nur durch den menschlichen, sittlichen und schöpferischen Wert der Persönlichkeiten und ihrer Arbeit und Werke dargestellt werden. Wahrhaftigkeit gegenüber der Aufgabe und Freiheit der Form, das war der sittliche Grund, aus dem die Verschmelzung von Inhalt und Form, der `Wert´ gefordert wurde.

Trümmer alter Bauten reden auf geheimnisvolle Weise von ihrer inneren Echtheit und Einfalt. Dort war der Inbegriff des Bauens und des Werkschaffens zu finden. Die Werkschaffenden müssen in der Welt des Greifbaren das Gewissen ihres Volkes sein.

Sie schaffen nicht nur aus Not höchst zweckmäßig, sondern sie formen zum Beispiel Geräte zu gültiger und zu schöner Gestalt. In einfachsten, reinen, gültigen Gestalten, so ist das Rettung der Seele durch Gestalt, Ahnung des Kosmos – Religion. Das ist der tiefste Grund alles Denkens und Dichtens, alles greifbaren Verdichtens und sichtbaren Gestaltens. Wir können die Seele nur retten in lauteren Gedanken und reinen, gültigen Gestalten. Der Ansatz und der Wille dazu gelingen nur in aller Bescheidenheit und irdischen Unvollkommenheit. Damit ist ein Weg aus der Wüste des Elends und aus der Wüste des Überflusses gezeigt.

Karl Jaspers (Heidelberg): Die Erneuerung aus dem Ursprung müsste die Universität erweitern auf alle großen menschlichen Anliegen unseres Zeitalters und zugleich ihre Einheit wiedergewinnen. Die Wiederherstellung der alten Einheit ist das größte Problem der Universitätsgestaltung. Zum Beispiel Philosophie und Theologie zu verknüpfen mit die Wirkung von Raumproportion, Licht, Farbe oder Grundrissordnung.

Wie manches liturgische Problem im Raume klar wurde, wie manches archäologische Rätsel sich handwerklich löste, wie mancher pädagogische Wunsch in der Gestalt der Schule seine Erfüllung fand!

In gesteigertem Masse wird für das Handwerk, die erfinderische Geschicklichkeit der Hand wichtig, das Handwerk bleibt der ewige Mutterboden der Technik. Nur das Handwerk vermag ein Ding so zu vollenden, dass es vollkommen ist. Manchen ganz Entwurzelten und Verzweifelnden sah sich im einfachen Handwerk zu innerem Gleichgewicht und Frieden kommen. So stellen sich alle sichtbaren Dingen vor unser Gewissen als Zeichen des Seins.


Spannweite, Kitsch ist Lebensangst, Seite 69-70

Jeder neue Zeit fordert einen neuen Menschen. Wir brauchen den frohen Mut zum neuen, zum einfachen, Aufrichtigen und Gesunden, kurz den Mut zum Glück und zur Freiheit. Aus ihr müssen wir erst wieder die unserer Armut gemäßen, einfachen und ehrlichen Formen und Ordnungen neu finden und gestalten, um durch sie und in ihnen wahrhaft frei zu werden. Das ist die große Aufgabe unserer Zeit. Leider wächst in dieser Zeit, in der nur Liebe helfen und raten könnte, die Selbstsucht, die enge des Herzens, d.h. die Angst vor der einfachen Wirklichkeit, die Flucht in Träume und rosenrote Filmwelten, usw. Und das Erzeugnis dieser Angst ist, was wir mit dem Sammelwort Kitsch bezeichnen.

Denn Kitsch heißt, mit unechten Mitteln sich und anderen etwas vortäuschen. Statt unseres heutigen Daseins mutig ins Auge zu fassen und innerhalb dieser Tatsachen unser Leben ehrlich zu bestehen. Die gegebene und also aufgegebene Wirklichkeit bejahen. Lebensangst und Lebensflucht umsetzen in Ehrlichkeit des Fühlens, Klarheit des Denkens, Einfalt des Redens und Tuns. Nur diese Ehrlichkeit, Klarheit und Einfalt geben das Recht und die Kraft zur Freiheit. Diese Freiheit aber muss, wenn sie ein Ganzes ist, auch sichtbar und wirksam werden in der täglichen Form unseres Lebens, Arbeitens und Feierns, nicht zuletzt also in der sichtbaren Gestalt unserer Wohnung.

Es hat keinen Sinn, Ehrlichkeit, Klarheit und Einfachheit im Bauen und Bilden zu fordern, wenn der Wille zur geistigen Einfalt und der Stolz der Armut fehlen die Geradheit des Wesens zu bilden und bauen. Nur aus dieser Wurzel, aus diesem Mut zur Wirklichkeit können wir beginnen zu bauen und zu bilden.


Spannweite, Gibt es für unsere Städte noch Hoffnung?, 1947, Seite 71-72

Wenn Fragen mit lauten und widersprechenden Parolen beantwortet werden, so deutet das meistens darauf hin, dass ihr stumme Vorfragen zugrunde liegen. Diese Grundfragen nicht zudecken, sondern mit Einfalt und Ehrlichkeit ins Auge fassen.

Welche Dominanten gelten uns heute noch, und mit welchem Gewicht? Die vergangen, heute und morgen gültige Dominanten in lebendige Beziehung und Harmonie zu setzen, das ist Sinn und Aufgabe des Daseins zu erkennen, zu wollen und zu bilden in ernster, stiller Arbeit.


Spannweite, Mensch ohne Raum, Seite 73-?

Mensch im gemeisterten Raum ist der Schöpfer und Träger wirklicher Ordnung. Der stille, beharrliche Fleiß zur einfachen Ordnung und gültigen Gestaltung des eigenen begrenzten Raumes; nicht des selbstisch abgeschlossenen Raumes, sondern des Bereichs von Menschen und Dingen, den man mit seiner persönlicher Arbeit und Liebe durchdringen, beleben, erwärmen und formen kann. Einfalt ist die reife Frucht. Sie ist das Kennzeichen jener stillen Meisterschaft. Die im Kleinen wie im Großen sich auf das ihr gegebenes Maß begrenzt und eben darum sich vollenden kann. Nur solche durchwirkten und gemeisterten Lebensräume können sich ergänzen und zum Größeren verbinden.


Spannweite, Bauen – die höchste Betätigung, 1932, Seite 82-84

Bauen ist mit dem Leben überhaupt von der Wurzel aus verbunden.

Auf der einen Seite die Wurzelkraft einfachster Lebensnot (Lehmhütte, Wohnlaube), auf der anderen Seite der höchste Aufschwung zum ewigen Werk (Pyramide, Tempel, Kathedrale). Innerhalb dieser Spanne liegt alles Bauen.

Das Wirken dieser beiden polaren Kräfte lässt sich in philosophisch-ästhetischen Systemen darstellen. Das Wirken dieser beiden Kräfte wird zum funkensprühenden Erlebnis, wenn Bauherr und Baumeister sich finden.

Der Mensch schwankt zwischen Lebensangst und Raumangst. Daher sucht er die Ruhe des Seins im umschlossenen, geordneten, still und harmonisch geformten Raum. Die geängstigte Seele muss sich diese Raum formen zur Ruhe, zur Sammlung der Widerstandskraft, sie muss die Raumangst schöpferisch bezwingen und wandeln zur Raumlust.

Die Erfüllung der praktischen Not mittels der besten Konstruktion zu einer Befreiung der Seele – das ist Baukunst. Das Finden von der besten, sichersten und klügsten Konstruktion mit dem gegebenen Material, das war und ist das Geheimnis allen echten Bauens. In allem echten Bauen sind Zweck, Mittel und Gestalt untrennbar verbunden.

Bauen ist Erfüllung des Zweckes mit den besten Mitteln durch Gestaltung des Raumes, Gestaltung der Räume zueinander und Gestaltung des alles umfassenden Baukörpers. Das und nichts anderes ist die lebendige Schönheit eines Bauwerkes.

Am klarsten liegt diese Aufgabe am Anfang und am Ende, im besonderen bei der einräumigen Gestalt, wie einer Kirche. Einräumig heißt Innenraum und Außenraum sind ein und dasselbe. Innengestalt und Außengestalt, Innenkörper und Außenkörper, sind zwei Erscheinungen eines und desselben Gebildes.

Diese Aufgabe ist die einfachste, die einfältigste und zugleich künstlerisch die höchste, ein Abbild, ein Symbol des Lebens zu schaffen. Hier passt das persönliche Ich wirklich nicht mehr, denn gerade ein Bau entsteht aus der Willensspannung vieler.

Bauen ist ein treues Erfüllen und Ausfüllen des vorausgeschauten Raumes, zum Beispiel einer Kirche. Geschaut als ein zusammengefasster Raum der Gemeinschaft innerhalb einer Welt der Parteiung, als ein klingender Raum der still innerhalb einer Welt des Getöses, als ein Raum der Besinnung innerhalb einer Welt der Zerstreuung.

Denn Bauen ist Schauen.


Spannweite, Vor dem Schreiten steht der Raum auf, Seite 86-87

Was ist Bauen wirklich?

So mag dem Brunnen sein, wenn sich der Eimer langsam niedersenkt. Vergessens, kaum Gewusstes kam herauf.

Bauen ist ein feierliches Schreiten. Vor dem Schreiten steht der Raum auf mit Getön - und Licht.


Spannweite, Raumhafte Religion, 1919, Seite 88-89

Baukunst ist ja – um mit Wilhelm Worringer zu sprechen – die greifbare, abgegrenzte Auseinandersetzung des Menschen mit dem ungreifbaren, grenzenlosen Raum.

Baukunst ist also, ihrem Wesen nach eine Auseinandersetzung mit dem Unendlichen, im eigentlichen Sinne religiösen Ursprungs.

Ein heiliges Gebäude umfasst nicht nur räumlich ganz genau das Heiligtum, sondern solcher Bau ist von der Heiligkeit des Kultes, von dem anwesenden Geist bis in den äußersten Winkel seiner Raumgestalt, harmonisch ganz erfüllt. Der Bau stellt in seiner Wohlgestalt oder in seiner Willensgebärde den Geist der Stätte selbst dar, er ist die Erscheinung, die Form, die sichtbare Gestalt dieses Geistes.


Spannweite, Musik und Raum, Seite 90-95

Goethe betrachtete die Baukunst wie eine erstarrte Musik. Diese Bezeichnung wird bei Schelling und Schopenhauer in Welt als Wille und Vorstellung wiederholt: Architektur ist gefrorene Musik.

Diese Bezeichnungen sind bildhafte Vergleiche zwischen Musik und Raum, Worte wie Rhythmus, Aufbau, Harmonie, Abstimmung und Wohlklang werden auf beide Gebiete angewendet.

Besteht eine unmittelbare, wesenhafte Beziehung zwischen Musik und Raum?

Akustik ist die rein stoffliche Beziehung zwischen Schall und Raum. Jahrhunderte bleibt Akustik reine Glücksache und oft genug reine Unglückssache.

Man stellte Versuche an, fand Formeln und konstruierte optimale Stromlinien. Gebäude nach diesen Rechnungen konstruiert sind zwar unschön, aber hervorragend gut akustisch. Da hatte man erstarrte, gefrorene Schallformen, aber nicht wie Goethe, Schelling und Schopenhauer gemeint haben. Und so widmete sich die Forschung, um nicht in den eigenwilligen Stromlinienformen steckenzubleiben. Es gilt, sie gut zu wissen, gut zu vergessen und anzuwenden. Bei einem ersten Mal war das noch ein Sprung ins Ungewisse.

Man darf von guter Hörsamkeit sprechen, wenn die Rede durch den Raum, die Musik durch das Bauwerk sichtbare Gestalt erhalten. Hier stehen wir schon an der Schwelle des Bereiches, wo Schall zur Form, wo Musik zur Raumgestalt führt. Auch der Schwung einer Brücke ist mehr als ihre Kurve, er ist der leichte Schwung der Seele von Ufer zu Ufer.

Deutlicher wird die raumbildende Kraft der Musik da, wo sie nicht nur die Luft bewegt, sondern den Menschen selbst zum Aufmarsch, zur Prozession, zum Tanze, zur Choreographie führt.

Zum Beispiel das Musikheim in Frankfurt an der Oder, eine Hochschule für Musik. Die große Halle hat die Längsspannung, den Querdurchgang des Lichtes, und die Zentralspannung für die runden und quadratischen Dynamiken. Der Mittelraum war 12 Meter lang, breit und hoch. Die Bewegungsforderungen haben die Haupthalle geformt, sie ist die Raumgestalt der Aufzüge, der Kontratänze und der diese Tänze führenden Musik.

Rhythmus eines Bauwerks ist zwar ruhend im Raum, aber wir erleben den Rhythmus eines Bauwerks im Durchschreiten, also in zeitlicher Folge. Und selbst wenn wir stillstehen, erleben wir Länge, Breite und Höhe in all ihrer Gliederung als ein schwebenden Gang, als einen Tanz der Seele nach unhörbarer Musik. (Kathedrale von Chartres)

Auch eine Treppe muss musikalisch gebaut sein. Die Treppen einer jeden Zeit sind Ausdruck der inneren Bewegtheit und damit der Tänze, der Musik einer jeden Zeit.

So ist der musikalische Bewegungsrhythmus nicht nur dem architektonischen Rhythmus vergleichbar, sondern er schafft ihn und verkörpert sich in ihm.

Es bleibt zu untersuchen, ob auch der Wohlklang der Masse und Verhältnisse in der hörbaren und in der sichtbaren Welt, in der Musik und in der Baukunst Beziehung und Übereinstimmung haben.

Kristalle sind die merkwürdigsten Gebilden der anorganischen Natur. Kristallgattungen bauen ihre Flächen auf nach ganz feststehenden Winkelstellungen zueinander.

Denke hierbei an das Achsenkreuz, drei in einem Punkt unter rechten Winkeln sich schneidende Linien und an die Methode, in dieses Achsenkreuz eine Kristallfläche hineinzulegen. Sie schneidet auf jeder der drei Achsen einen Abschnitt aus, die sogenannte Abszisse. Denkt man sich die weiteren Flächen desselben Kristalls in das Achsenkreuz gelegt und misst man die Abszissen dieser verschiedenen Flächen auf ein und derselben Achse, so ergeben sich einfachste Maßverhältnisse, zum Beispiel: ½ : 1 : ¼. Diese Abszissen gehorchen ausschließlich dem Gesetz der musikalischen Intervalle und der Obertöne. Jede Kristallart hat ihre glockenreine Melodie, von der sie nicht abweicht.

Gestaltzahlen und Tonzahlen folgen derselben Norm. Dasselbe Grundgesetz, oder sagen wir ruhig: derselbe Schöpferwille offenbart sich uns durch Auge und Ohr in Gestalt und Ton, in Baukunst und Musik. Hans Kayser, Physiker aus Bern, weißt darauf hin, dass dieses Urgesetz der Tonzahlen die Grundlage der pythagoreischen Lehre und Weltanschauung ist und schaffen die harmonische Proportionenlehre und kamen zur Erkenntnis, dass die Sonne das Zentralgestirn unseres Sternsystems sei.

Kopernikus und Kepler betonen ausdrücklich diese harmonischen Intervalle wie sie im konkreten Klang gegeben seien. Man muss mit geschärften Ohren des Geistes auf die vom Klang losgelösten Intervalle lauschen. Das Sonnensystem ist als Akkord in Notenknöpfen nieder zu schreiben. Was ist eigentlich ein Akkord?

Zwei oder drei ganz verschiedene, aber in einfachem Zahlenverhältnis zueinanderstehende Töne als eine Einheit, als ein neues Ganzes zu hören und zu werten. Die selbe Einheit der Gestalt erblickt unser Auge im Kristall.

Es darf als erwiesen gelten, dass die alten Baumeister Längen, Breiten und Höhen ihrer Bauten und der Teile dieser Bauten aus einfachen Zahlen und Zahlenverhältnissen entwickelt haben (Ägypter, Griechen, Mittelalter, Renaissance – Triangulatur und Quadratur - Proportionsregeln). Dies alles sind in der Seele eingepflanzte Grundgesetze der Schöpfung, um sie in den menschlichen Bauten sichtbar zu machen.

Kann der Mensch in seinem aus dem Grunde der Seele aufsteigenden Kunstgebilden nach anderen Gesetzen als den Urgesetzen der Schöpfung schaffen? Und daraus abgeleitet anschaulich denken und praktisch arbeiten mit Bauregeln. Ist es nicht die geheime Pflicht des Schaffenden mit aller Behutsamkeit der Seele seine Augen und seine Ohren diesen Grundgesetzen aufzutun?

So schaue ich einen Grundriss, einen Schnitt schweigend an, die Seele bewegt sich, tanzt, schwingt in den von diesen Rissen vorgezeichneten Räumen, Raumfolgen, Raumverhältnissen und vermag ihren Klang zu erleben, zu prüfen und dem Wohlklang näher zu führen.

Allerdings ist unser Auge für Farbintervalle ebenso treffsicher, wie das Ohr für Tonintervalle, so auch für Raumproportionen. Wir müssen uns hüten, uns mathematisch zu belehren, wenn wir nicht zugleich den Glauben an die stille Weisheit der Zahl und ihr schöpferisches Wirken in Musik, Baukunst, Geometrie und Astronomie wiedergewinnen.

Das Höchste wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen. Und im Erstaunen gewährt man das Urphänomen als das Höchste und ein weiteres soll man nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze (Goethe).


Spannweite, Der heilende Raum, 1956, Seite 96-97

Der Mensch braucht die Hülle der Bekleidung und als zweite Schutzhülle den Bau, wegen der baren Not.

Weit über die leibliche Not hinaus schafft der Mensch sich mit dem gebauten Raum eine Ordnung und Gestalt seines Daseins, einen sichtbaren seelischen Ausdruck seines Seins. Eine Gestalt seines Geistes im Gegensatz zur ungestalteten Umwelt.

Bau-Kunst ist die höchste Aufgabe des Bauens. Je verworrener unsere leibliche und geistige Umwelt ist, desto dringender bedürfen wir der Gestalt, das heißt der Kunst, der Bau-Kunst (das bilden wird ein bauen). Bau-Kunst als rettende Gestalt der Seele: der Wanderer zwischen zwei Welten.


Spannweite, Wort und Raum, 1956, Seite 98-108

Worte bilden Raum.

(Schweigen und Sprechen sind zwei gegenteilige Seiten eines Ganzen: Stille und Laut.

Selbstgespräch und Zwiegespräch bilden zwei unterschiedene Räume: Innenraum und Außenraum. A.V.) Was bedeutet das, wenn wir die Fenster schließen oder öffnen? Sind Fenster (mit Glas) offene Wände? Warum bilden wir heute große gläserne Gebilde?

Tatsächlich schaffen das Wort und der Geist des Wortes die höchsten Formen des Raumes.

Grundbegriff des Raumes....?

Grundbegriff des Wortes....?

Was verbindet diese Zwei Grundbegriffe? Ist das Bewegung?

Bewegung im Raum so wie das Wort eine Bewegung ist.

Zunächst einmal der engste Raum, die engsten Raumbildungen: die Urzelle; Urzelle mit Kruste wie Radiolarien, sternförmigen Gebilde in der Tiefsee.

Eine Rolle spielt dabei der Schutz, das Verhüllen, das Verbergen, das Anlocken und das Abschrecken. Nutzen, Schmücken und Ausdrücken.

Weitere Raumbildungen sind Nester, Höhle und der Bau. Im weiteren Sinne sind sie Schutz des Lebens, der Brut und der Familie, so wie beim Bienenstaat und beim Ameisenstaat.

Der Weg des Menschen mit seinem Bauen verläuft wirklich von der Höhle zum Wohnraum, bis zur Stadt und bis zur Kathedrale.

Ein Wohnraum ist die Zusammenfügung vieler Wohnräume zu einer Wohnung, zum arbeiten, kochen, essen, feiern, schlafen. Die Familie lebt nicht nur in den Räumen, sondern auch durch die Räume; dass die Art, das Gesetz der Räume die Form der Familie mitbestimmt, diese Rückwirkung ist wichtig beim Bauen. Da liegt die eigentliche Aufgabe: ob wir dem Leben in diesen Räumen den praktischen Halt und die geistige Würde geben.

Wilhelm Worringer: innerhalb der uferlosen Formlosigkeit muss der Mensch sich selbst durch Formen halten, um überhaupt ein Mensch zu bleiben.

Im alten Bau schafft der Mensch ein vollkommen ummauertes Gebilde, dann kommen die Löcher, wo er noch Luft und Licht brauchte.

Im neuen Bau grifft der Mensch mit einem gittrigen Eisengebilde ein Stück Raum, und der Raum wird dann da, wo es nötig ist, geschlossen. Eine Grundsätzlich ganz andere Methode.

Die Bewegung im Raum ist etwas ganz Entscheidendes beim Bauen.

So wie Hirten ihre Gesänge tanzen: in einem bestimmten siebenteilige Schleifschritt gehen sie aufeinander zu, hin und her, und dabei sagen sie sich ihre Verse. Durch den Schritt ganzer Reihen von Tänzern zueinander entsteht ein Raum, in dem sich dieser Tanz abspielt, der Raum ist da, ist einfach abgegrenzt. Das Wort und der Rhythmus und der Raum sind vollkommen identisch.

Zweifellos haben die Menschen in jenen Zeiten diese Dynamik noch im Leibe gehabt, gespürt, gelebt. Man sieht wie das Wort und die Bewegung im Raum absolut zusammengehört haben.

In der Zeit, in der ich in Weimar das Bauhaus geleitet habe, wurde viel getanzt. Beim Tanzen entstanden damals Figuren am Boden, die genau die Ornamente an der Decke im Stuck aufwiesen. Also steckt in uns in jeder Zeit eine bestimmte Bewegungsform im Zwerchfell. Die äußert sich in musikalischen Rhythmen, in der Fassung der Verse, in den unterschiedenen Tanzformen, in der Ornamentierung, in den baulichen Formen. Alle diese Dinge spielen sich viel untergründiger, viel unterbewusster ab, als wir vielleicht denken. Es ist die eigentliche Aufgabe des Architekten diese Dinge heraus zu spüren, so weit in sich selber zu tragen, dass er sie sichtbar machen kann – das ist der eigentliche Vorgang.

Das Wort ist im Raum eine Bewegung.

Wenn wir sprechen versuchen wir den anderen zu ergreifen, man geht los auf den anderen, man versucht beständig ihn irgendwo zu packen und das Beste, was geschehen kann, ist, dass der Andere ergriffen ist.

Das sind Bewegungsformen, ausgesprochene Bewegungsformen bis in die Sprache hinein.

Die Rede im Raum ist eine in Spannungszustand versetzte Bewegung, das heißt eine Bewegung, die nicht zur vollen Auswirkung kommt, sondern im Spannungszustand bleibt, so wie man beim Hören fortwährend innere Bewegungen macht.

Damit kommen wir zu den außerordentlich wichtigen Begriff der Raumspannung. Wie kann man die Spannung der Räume auf sich wirken lassen? (1919, Begriff der Raumspannung fixiert in „vom neuen Kirchenbau“)

Von dieser Raumspannung her kann man in einem Raum in die Luft greifen und sagen: da gehört die Lampe hin oder die Fenster, usw. Es gibt immer im Raum einen Pol, einen Konzentrationspunkt, wo etwas hingehört (so vielleicht auch andere Punkte oder Pole).

Diese Raumfühligkeit ist eine Eigenschaft, wie etwa die Musikalität, eine erstaunlicherweise meist weibliche Eigenschaft.

Nehmen wir einmal die Längsrichtung eines Raumes, der nun der ganze Aufmarsch der Fenster, der Säulen usw. folgt. Diese Längsrichtung kann so stark sein, dass sie am Ende der Wand die Apsis einfach heraussprengt, weil hier die Wand nicht mehr auszuhalten ist. Das ist die Spannung des Raumes, die dahin läuft.

Wenn jemand in einem so gespannten Raum die Handlung nicht in die richtige Spannungspunkte setze, dann wird der Raum vollkommen durcheinander geworfen. Wenn die Spannung der Handlungen, sich deckt mit der architektonischen Spannung, dann unterstützen sich die beiden Größen zu einer ausgesprochenen Steigerung der Wirkung so sehr, dass in einem solchen Raum, auch wenn er wieder leer ist, die Nachwirkung der Handlung, eines gesprochenen Wortes, noch lebt.

Bei all den Bauten spürt man sofort, ob so etwas wie Sprechen und Feiern in den richtigen Spannungspunkten erfüllt ist. Und wenn es erfüllt ist, so kann der Raum schaffen, was er schaffen soll: so gibt er die Stütze für das Wort. Der Raum darf deswegen nicht diffus oder gespalten sein.

Es gibt zum Beispiel Zentralräume, bei denen das geschehen im Zentrum steht, Räume, die zentral aufgebaut sind, etwa durch die Kuppel. Alles strebt zu dieser einen Mitte, und in der Mitte befindet sich etwas wichtiges für diesen Zentralraum. Diese Räume sind so eindeutig, dass Menschen, die sich in ihnen bewegen, sich so und dorthin setzen, wo sie in Beziehung zu den Dingen kommen (so wie in einem Dictogramm – A.V.). Sie schwimmen so lange im Raum herum, bis sie an der richtigen Stelle sitzen. Das sind die Raumgefühligen.

Das eigentliche Grundprinzip des Bauens ist, dass der Raum den geistigen Vorgang, durch Wort, Klang, Bild und Farbe dargestellt, zu unterstützen hat. Die Raumspannung ist ein Bestandteil der Bewegung im Raum, die man führen und fühlen konnte.

Dass man mit der Stimme einen Raum erfüllen und auch den Letzten in dem Raum ergreifen muss, erreichen und ergreifen muss, ist wichtig. Es gehört zum Wort im Raum genauso das Hören im Raum, und zwar das Hören als eine aktive Eigenschaft wie das Sprechen. Mann kann einen Raum so bauen, dass er akustisch gut ist, aber ohne Berechnungen. Die Berechnungen sind fast alle falsch. Man kann sogar einer Raumform ihre Akustik ansehen, und umgekehrt: eigentlich müsste ein gut geformter Raum seine Akustik bereits darstellen.

Räume muss man von Anfang richtig denken und ihnen das nötige angemessen Material geben.

Radio ist das Wort ohne Raum, das Wort im Radio ist raumlos geworden. Hier ist etwas mit dem Wort, mit der Beziehung des Wortes zum Raum passiert. Meistens sitzt man ohne Bewegung zu diesem Wort. Mit Radio und Fernsehen ist eine Umschaltung all unserer sinnlichen Erfahrungen im Gange, mit der wir uns abgeben müssen. Dies alles hat eine merkwürdige Kompensation zur Folge gehabt, nämlich den Wunsch nach Schnelligkeit. Von woher kommt eigentlich dieser absolute Rausch der Schnelligkeit? Offenbar, um den total ins Weite entflohenen Raum zu bewältigen? Wieweit ist unser absolutes Schnelligkeitsbedürfnis eigentlich eine Art von Raumflucht? Eine andere Form der Raumangst?

Kann man die Empfindung zurück gewinnen, wo der Moment ist, wo wir wirklich den sinnlichen Grund, den Untergrund verlieren oder wieder zurück gewinnen können?

Heute entschwindet uns das Wort im Raum. Man muss nun in diesem Punkt, den Mut haben rückschrittlich zu sein, denn modern zu sein, ist gar kein Kunststück.

Nun befinden wir uns mit unserem Wort und mit unserem Raum schon im Uferlosen, in der Raumlosigkeit, in der reinen Geschwindigkeit, in der Flucht aller Dinge, in der Wüste. Wie können wir nun überhaupt Mensch bleiben?

Ein Baumeister schafft einen Raum, wo die Wahrheit lebt und die Lüge stirbt, dass ist seine Aufgabe. Die Aufgabe ob er den Raum bauen könnte, in dem die Nationen zusammenkommen in dem ihnen die Lüge auf den Lippen stirbt. Wenn das möglich wäre, dann hätten wir unseren Beruf wirklich erfüllt.


Spannweite, vom Schönen – ein Gestammel, 1954, Seite 110-113

Reden kann man eigentlich vom Schönen nicht, bestenfalls stammeln, besser noch schweigen.

Wenn man Bilder ansieht, wie und woran kann man gute oder schlechte Bilder unterscheiden? Heute klingt der Notschrei der Blinden, oder genauer: der vom Verstand Geblendeten, der Schrei nach einer Zauberformel, die sie sehend machen sollte.

Diese Situation war eindringlich die Situation unserer geistigen Welt, in der das Schaubare nicht gilt, wenn es nicht mit Worten beweisbar ist, und in der das mit Worten schließlich Bewiesene dann nicht mehr geschaut wird. Not und Verzweiflung all derer, die das Schauen verlernt hatten oder die ihrem Schauen nicht mehr trauten.

Könnte man irgendwo lernen wieder mit den Augen und mit den Händen zu denken? Nicht nur mit Gedanken denken. Was ist ein guter und ein schlechter Mensch, und woran kann man sie unterscheiden? Mit Reden fängt die Täuschung an, aber jene Stille, unreflektierte erste Schau ist untrüglich. Wer ihr folgt, wählt das Gute, Schöne und Wahre. Wer aber diese uralte Gabe in sich verschüttet hat, dem ist mit aller Gescheitheit nicht zu raten und mit aller Definitionen nicht zu helfen.

Und ganz so ist es mit dem Schaubaren und tastbaren Dingen (Diagramme). Man muss sie nur still beschauen und mit Fingerspitzen scheu und liebevoll berühren. Wir Schaffenden vermöchten mit Worten nicht zu sagen, wie man es anfängt, so etwas zu schaffen oder zu schauen. Jede neue Aufgabe ist ein neues, schreckliches und wunderbares Abenteuer. Je tiefer die Angst, desto größer die Lust und die Chance des Gelingens. Ebenso angstvoll und lustvoll ist jede Begegnung mit einem Bild, wie mit einem Kunstwerk.

Bitte, verhalten Sie sich gegenüber dem Bild, dem Kunstwerk, nämlich hoffend, schauend, tastend, dumm und weise wie ein Kind, ewig unbefangen. Wie bei einer Liebesbegegnung hat die Liebe einen sicheres Gefühl für das Echte, das Gute, das Schöne, das Wahre. Aus dem Schauen folgt das Erkennen, aus dem Greifen das Begreifen. Der umgekehrte Weg ist mühselig und ungewiss. Auch der Schauende und Tastende könnte Fehler machen, aber davon kann er lernen.

Wir haben die Wahl mit dem Verstand zu gucken oder mit dem Herz zu schauen. Wählen sie richtig dann entdecken Sie vielleicht schon auf den Bildern der Akropolis, dass nicht nur diese Säulen im Luftraum leben, sondern dass der Luftraum selber zwischen den Säulen unendlich lebendig ist. Von dem Erlebnis dieses Zwischenraumes zehre ich bei all meinem Bemühen um die Baukunst heute noch.

Wir modernen Sehenden der Mikroskopie und Makroskopie und Wissenden der Atomphysik: sind wir nicht mit tausend neuen Vorstellungen und Bildern der Natur beladen, deren wir sowenig Herr werden wie der Mensch vor Tausenden von Jahren seiner Welt Herr wurde, bevor er sie in Felsenhöhlen an die Wand malte und dadurch verstehen und begreifen konnte?

Aber immerhin: man sollte still sein und die Augen offenhalten. Mit Definieren und Streiten (zwischen Theoretiker und Kritiker – A.V.) vernichten wir vielleicht einen Keim, der uns retten könnte.


Spannweite, Der heutige Mensch und die Kunst, Seite 114-121

Kunst ist der Atem der Seele, der Seele eines lebendigen Menschen.

Bartning unterscheidet drei Grundarten des Menschlichen: der Bauer, der Bürger, der Wanderer. Die Begriffe sind nicht als Abgrenzung historischer Gattungen oder sozialer Klassen gemeint, sondern sollen Grundarten des menschlichen Wesens bedeuten.

Der Bauer: sein Leben und seine Arbeit sind gegeben durch den Boden, durch den Sonnenstand, durch den Jahreslauf. Im Einklang damit bestimmt er die Arbeit für sich, seine Familie, sein Gesinde, sein Volk. Sinn seiner Arbeit ist der Ertrag, den die Natur ihm gibt. Hieraus ergibt sich sein Verhältnis zur Natur und damit zur Schöpfung, zu Gott.

Die Abhängigkeit des Bauern von der Natur, die in der Form furchtsamer oder dankbarer Verehrung jene unmittelbare Verbundenheit mit den Kräften und Geistern der Natur, mit der Allmacht, mit Gott darstellt, ist der Ursprung aller Religion.

Der Bauer baut sein Haus selbst. Der Herd ist der Grundtyp des Altars, der natürliche Gang des Jahres und der Jahreszeiten ist Rhythmus seines Lebens und seiner Religion. Die wahre Kirche des Bauern ist die Himmelskuppel.

Bauern sind Erdverbundene, Bürger sind gesellschaftlich Verbündete.

Der Bürger: sein Leben und seine Arbeit sind durch Austausch, durch Angebot und Nachfrage im weitesten Sinne bestimmt. Er ist ganz auf den Zusammenhang mit der menschlichen Gesellschaft eingestellt. Geschützt und ungestört, unabhängig von Naturerscheinungen und Boden, Arbeit der Bürger, und tritt mit seinem Gewerbe in Austausch. Kurz, sie scharen sich um den Markt, um die Messe, um die Börse.

Dieser Austausch, dieses Zusammenleben erfordern eine gesellschaftlich-wirtschaftliche Ordnung. Trotz aller Vergesellschaftung aber bleibt der Sinn der bürgerlichen Arbeit der Aufbau des davon abgetrennten privaten Lebens, die Hebung des eigenen Wohlstandes. Die Arbeit spielt sich ab in der Werkstatt, dem Büro, Markt, im Transport und auf Reisen. Der Rest des Tages und des Lebens ist dem Behagen in Haus und Familie, der Erholung und dem Genuss gewidmet.

Das Leben des Bürgers ist zerlegt in ein Dasein für den Beruf, fürs Haus, für die Religion, für die Kunst, für die Natur mit Trennung der Funktionen. Leben und Arbeit werden reguliert und erläutert durch die Bildung. Nicht die Natur ist ihm Maßstab, sondern das Ausmaß seiner Bildung, seines Wissens, seine Erkenntnis bestimmt seine Religion. Sein Bauen ist gewissermaßen eine neue Natur. Die Kathedralen sind eine neue Welt aus Stein. Sein Wohnen ist gerichtet auf Unabhängigkeit, Abschluss und zugleich auf Geselligkeit. Für das Bürgerhaus entscheidet die Frau, ihr Geschmack, ihr Gefühl, ihr Intellekt.

Losgelöst von der Natur entsteht eine wahrhafte Umkehrung des ursprünglichen Verhältnisses, führt zur wissenschaftlichen Erforschung, Nutzbarmachung und sogenannten Beherrschung der Naturkräfte. So entstand gesteigerte Arbeit, Geschwindigkeit, Genuss, Ermattung. Hier liegen die dramatische Kraft und die tragische Gloria der großen bürgerlichen Kultur der Jahrhunderte.

Der Wanderer. Es handelt sich hier nur um Andeutungen. Dieser Typus hat noch keine historische Gestalt. Zunächst ist der Großstädter seiner äußeren Form nach diesem modernen Nomaden zuzuzählen. Wichtige bürgerliche Momente mindern sich in der Großstadt. Die Großstadt selbst hat bisher noch keine Sitte und keine Religion geschaffen, sie zehrt von bürgerlichen Resten und verzehrt sie. Großstadt ist Erfüllung des Bürgertums und zugleich sein Untergang.

Die Großstadt wird ein riesiges nomadisches Zeltlager aus Glas und Eisen, als vertikale Schichtung von schnell vertauschbaren Wohnungen ohne Besitz und Last. Straßenbahnen sind kürzeste Wege zur Arbeit einerseits, zur Natur anderseits. Es wird geformte Zukunft werden. Der Wanderer liebt Auto, Bahn und Flugzeug als Mittel um irgendwo hin zu gelangen.

Es handelt sich darum, das innere Wesen des Wanderers zu erfassen. Er ist nicht der ruhelos, sittenlos, gottlos gewordene Bürger. Der Wanderer entwickelt ein neues Verhältnis zur Natur, die Gesundheit seines Körpers, die geheimen Urkräfte des Bodens, die Spannungen des Kosmos und gewinnt einen neuen Rhythmus und Schwung seines Lebens und seiner Arbeit. Für den Wanderer wird der Heilige Dienst an der Leiblichen Natur als dem Werkzeuge des Geistes wichtig.

Die Beziehung zu Natur und Religion wird wieder einfach und einheitlich und entspringt aus Wissen und Fühlen des Weltzusammenhanges. Die Zusammenfassung und Deutung aller zerlegten, mittelbaren Strahlen in seinem Verstand und seiner Vernunft macht ihn zum einsamen, stillen und selbstbewussten Individuum, die unzerlegbare, undeutbare, unmittelbare Kraft seiner Seele macht ihn zum Teil des Ganzen und zum aufrichtigen Gemeinschaftsmitglied.

Aus der wirklichen naturhaften Liebe zu den Brüdern wie aus der Verbundenheit seiner Seele mit dem Ewigen wächst die Hilfe für den Nächsten und Bedrängten, wachsen Wertung und Verantwortung seiner Leistung und seines Lebens in Bezug auf diese Leistung, wächst seine Moral, dem Ursprung des Christentums wie mancher anderen sittlichen Religion sehr nahe verwandt.

Wandertum ist auch wohl eine Jugendform, eine Verjüngungskur der Menschheit. Wandern als Ausdrucksform, als höchstes Symbol der persönlich leiblichen Reinheit und Tüchtigkeit, zur Freiheit, Besitzlosigkeit, Unabhängigkeit, Kameradschaft und Sitte der Straße.

Der Wanderer wertet die höhere Ordnung der Welt, den Schwebezustand des Weltsystems wie des Seelensystems, die Relativität der Sitte und des Rechts und die Absolutheit des Ursprungs aller Relativitäten ahnt und glaubt. Auch Wissenschaft und Technik bleiben für ihn relativ, das heißt abhängig, abgeleitet vom Ewigen.

Besitzlos und Heimatlos ist der Wanderer. Der selbstvergessene geistige Arbeiter, Künstler, Denker, Forscher und Erfinder. Er führt die Abhängigkeit des Einzelnen zur Freiheit des Ganzen. Wohl der Zeit, die das begreift!

Diese Wanderschaft ist noch kaum begonnen, aber sie ist möglich, sie ist innerlich und äußerlich notwendig. Der Wanderer ist im Werde-stand. Führer zur Zukunft kann für ihn nur der Schaffende, das heißt das Schaffen selbst sein. Er soll leben, werden, glauben und fordern die göttliche Wirklichkeit. Der Wanderer sucht Vereinfachung des Ortswechsels, Verbilligung des Notwendigen, die verwundete Natur zu heilen, also Befreiung für das Wesentliche, Erleichterung, kosmische Klarheit, heilige und ewige Symbolik.

Der Wanderer muss atmen, um zu leben, er muss sich gestalten, um zu sein.


Spannweite, Die Einheit des Menschen, 1948, Seite 122-128

Alle Erziehung geht aus von einem Urstand (Urmensch) und zielt auf ein Wunschbild des Menschen. Beide tragen wir in uns und beide bilden die Einheit des Menschen.

Wir alle tragen den Urmenschen in uns, der die Dinge seiner Umwelt mit Händen greift und zu sichtbaren Gebilden formt, und der zugleich sich bemüht, die Umwelt zu begreifen und sie zu Gedanken und unsichtbaren Gebilden zu verdichten. Mit allen Sinnen Greifen und Formen einerseits, das Greifen, Begreifen und Denken anderseits. Lange noch bleibt diese Vorstellung von der Einheit beider Funktionen. Plato vermag eben diese Ideen nicht anders vorzustellen als in Gestalt tönerner? tönender Bilder.

Goethe, der letzte umfassende Geist, die letzte große Einheit aller sinnlich greifenden, formenden und aller begreifend denkenden und verdichtenden Kräfte des Menschen! Seine Farbenlehre ist in summa die letzte Verteidigung der sinnlichen Einheit des Menschen gegenüber der abstrahierenden Spaltung, Spezialisierung und Mechanisierung.

Einhundert Jahre der konsequenten Spezialisierung, Mechanisierung und Instrumentalisierung haben uns in atemloser Schnelligkeit von Ergebnis zu Ergebnis, zu Leistungen und Ultraleistungen fortgerissen und wir stehen auf dem Gipfel des Berges oder am Rande des Abgrundes. Das ist im Wesen dasselbe, wir fühlen, dass es nicht mehr entscheidend ist, wo wir stehen, sondern wie wir stehen.

Müssen wir also unser technisches Können steigern? Das geschieht von selbst, aus der Technik selbst, aus ihrer eigenen Dynamik heraus.

Die Welt der Technik ist die Welt des Irdischen und also der kosmischen Stoffe und Kräfte. Sie ist die uralte, nur großartig erweiterte Umwelt. Und nach wie vor gilt es, sie zu greifen und sichtbar zu gestalten, sie zu begreifen und mit Gedanken zu verdichten und also sie zu bestehen und zu bemeistern.

Es geht um den Menschen.

Er ist leiblich, seelisch, geistig in gefährdetem Zustand, mehr oder weniger latent oder virulent.

Wie greifen und gestalten, wie begreifen und bewältigen wir die von uns entfesselten Kräfte? Heute das kritische Problem der zivilisierten Menschheit.

Nur wenn der einzelne Mensch im Bereich seiner Hand und seines Geistes fest steht und besteht als Persönlichkeit, dass will heißen: als einheitlicher, in sich die Kräfte ordnender und aus dieser Ordnung gestaltender Mensch, kurzum als Meister. Und so wartet unsere verworrene Welt der irdischen Stoffe und Kräfte auf die Gestaltung durch den all diese Kräfte in sich sammelnden und ordnenden Meister, den Bau-Meister.

Jeder steht nun im Schnittpunkt der auseinanderstrebenden Kräfte, im Mittelpunkt der Zerreißung. Was müsste zunächst aus dieser gefährlichen Spaltung Erfolgen? Nur echte Zusammenarbeit in einer lebendigen Arbeitsgemeinschaft am Werk in statu nascendi. Echte Arbeitsgemeinschaft aber beruht auf gegenseitigem Erkennen, Achten und Vertrauen.

In Verknüpfung und Durchdringung mancher Disziplin (in kurz Wissensintegration – A.V.) liegt die Antwort. Echte (Bau-) Gestaltung ist der wahrhaftige, sinndeutende Ausdruck unseres Wesens. Man muss wieder den Wunsch und Anspruch auf Verbindung (wollen, fühlen und denken – A.V.).

Gestalten aus einer einheitliche Vorstellung des ganzen Menschen heißt werten, ordnen und deuten, praktisch und geistig, leiblich und seelisch, wirksam machen. Im Schnittpunkt oder Zerreißpunkt (Riß) unserer Zeit stehend, muss jeder alle auseinander strebenden Kräfte wieder zueinander vereinigen. Das fordert eine lebendige Verknüpfung und Durchdringung aller Disziplinen. Um so klarer müssen wir das Ziel der großen Einheit ins Auge fassen. Das Kernstück muss das aktive Bauatelier werden, tatsächlich bauen in Arbeitsgemeinschaften von Lehrern und Schülern auf der Basis der Gesellen und Meisterlehre. Das fragt Bescheidenheit, Persönlichkeit und Bereitschaft zur gemeinsamen Arbeit.

Denn Urstand und Wunschbild der Menschheit sind Einheit und Einklang aller Kräfte des Leibes und Geistes mit der schauenden, schaffenden göttlichen Seele.


Spannweite, Ganzheit des Menschen – ein Begriff oder nur ein Wort?, 1954, Seite 130-135

Jede Kulturepoche ist getragen von einer Vorstellung des Menschen und verdichtet sie zu einem Ideal. Man könnte eine aufschlussreiche Kulturgeschichte schreiben über den Wandel dieser Vorstellungen.

Das klassische Griechentum gipfelt in dem Begriff καλοσκάγαθος (Kalokagathia: ist die Bezeichnung für ein griechisches Ideal der körperlichen und geistigen Vortrefflichkeit („Schönheit und Gutheit“). Der Begriff bezeichnet eine Verbindung von körperlicher Schönheit und geistigen Vorzügen, die als gesamthafte Vortrefflichkeit (Arete) der Person erscheint.). Es bedeutet gutmütig, good-natured, die vollkommene Übereinstimmung des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren, der sinnlichen mit den geistigen Eigenschaften des Menschen, kurz: eine Ganzheit.

Der klassische Römer prägen zu sagen: mens sana in corpore sano. Der gesunde Mensch in einem gesunden Körper.

Das christliche Mittelalter sucht die Gefühlskraft des Menschen, in ihrer höchsten Form als Glaube an Gott, in Einklang zu bringen mit dem Erkennen und Schauen der Schöpfung und fügt so den Menschen in die Ganzheit der göttlichen Weltordnung ein.

Die Renaissance greift auf die klassische Vorstellung des allen Kräften des Geistes und der Sinnen sich anvertrauenden Menschen. Diese Vorstellung steigert sich zum willensbetonten und vollsaftigen Menschen im Barock und verdünnt sich zum späteren Humanismus.

Im Puritanismus prägt sich die in der Reformation schon beginnenden Diskriminierung der natürlichen Sinnlichkeit und damit der Sinne aus. Diese Verachtung der Sinne, insbesondere des Auges, wirkt sich noch heute aus in einer bewussten und unbewussten Geringschätzung des Bildhaften, Geschauten gegenüber dem Gedanklichen, dem `rein´ Geistigen.

Goethe spricht von der sinnlich-sittlichen Wirkung, dieses Wort deckt sich recht genau mit jenem griechischen und jenem römischen Satz, ebenso meint es die Ganzheit des Menschen an Leib und Seele. Es ist die Verteidigung des natürlichen Menschen, die Verteidigung der durch die Sinne gesicherten Urteilskraft gegenüber dem technischen Hilfsmittel, gegenüber dem Instrument, das die Sinne nicht nur steigert, sondern sie überschreitet ins nicht mehr Sinnenhafte, nicht mehr Bildhafte, schließlich nicht mehr Vorstellbare, nicht mehr Denkbare.

Diese Eliminierung der Sinne und der Bildkraft des Menschen ist heute viel entscheidender wirksam dann man vermutet. (Das bildnerische Denken muss man wieder finden und gestalten in einer Ganzheit. - A.V.) Das Wort Ganzheit ist von Goethe bis in die früheren Epochen nicht zu finden.

Heute hören wir das Wort `Ganzheit des Menschen´ auf allen Gebieten. Haben wir einen Begriff, eine Vorstellung, eine Idealbild dazu?

Seit hundert Jahren schwillt die Wissensmaterie, häuft sich der naturwissenschaftliche auf den geisteswissenschaftlichen Stoff. Beide ringen miteinander um den Platz im Gehirn in unserem Erziehungswesen. Diese Wissensmaterie leitet zu Überbelastung, daher versucht man diesen Stoff nicht als Stoff, sondern als Mittel der Erziehung zu betrachten, der Erziehung zur Ganzheit des Menschen. Aber das stimmt nicht, weil sie sich ausschließlich an den Intellekt, an das denkende Gehirn, das heißt an die eine Hälfte richtet.

Wissenschaft, Technik und Wirtschaft scheinen diesen Menschen zu brauchen und also zu fordern. Man muss nur lernen und memorieren zum Zweck der Examina und Diplome Jagd.

Aus dem Bildhaften ist man in der abstrakten Welt angekommen, das ist sicher keine Ganzheit. Wir beschießen das Gehirn nur mit Einzelwissen und überlassen es den Schülern daraus ein zusammenhängendes Weltbild zu erschaffen oder tief erschrocken sich in den Angstkomplex zu verkriechen.

Als Ausgleich zunehmender Cerebralität nutzen sie die musischen Fächer, nur zur Auflockerung. So erkennt man gerade daraus die Halbheit unserer Ganzheit. Alles Bildernische gehört nicht mehr zum Grundwesen des Menschen. Die Gabe synthetischer Schau und Bildkraft wird vernachlässigt. Bildkraft und innere Schau sind die gemeine Mitte des harmonischen Menschen, sie bilden den Bleikiel eines Lebensschiffes. Die disparate Abstraktion unserer Ideen ist es, was uns so anfällig für Ideologien macht.

Es drängt zum Begriff von der Ganzheit und ahnend zur Schau. Schenkt uns nicht der Vergleich des Mikrobildes der Atome mit dem Makrobild der Gestirne wieder den Glauben daran, dass diese Welt ein Kosmos ist? Wird der gewusste Einklang von Planetenzahlen und Tonzahlen, heute erweitert auf die Kristallzahlen zum Klang der Welt (Hans Kayser).

Wird damit nicht das menschliche Ohr (wie das Auge) zum kosmischen Sinnesorgan? Fügt sich nicht der hörende, sehende, greifende und begreifende Mensch wieder in die unfassbare Ganzheit der Schöpfung ein? So wäre Goethes Anruf des sinnlich-sittlichen Menschen eine Prophetische Schau eines durch alle Zerstückelung hindurch neu zu gewinnen – den ganzen, einfachen und heilen Menschen.

Wenn wir solche Ganzheit bildkräftig ahnen und schauen, werden wir an sie glauben, werden auf sie hin leben – und all unser Erziehen auf sie neu ordnen und richten können. Ohne solches Leitbild bleibt alles Reformieren ziellos und alles Bemühen heillos.

Sofern wir aber den in Geist und Sinnen, Leib und Seele ausgewogenen Menschen wirklich meinen, heißt Erziehen, dass wir den im Kind elementar angelegten Kräften dazu helfen, all die vielfältigen Wissensstoffe zu inneren Bildern zu verdichten und zu vereinfachen. Wir brauchen ein neues Fach, genannt ‚Schau’.

Recht verstanden bedeutet es eine Ordnung und Verbindung aller Stoffe, eine Mobilisierung der ganz brachliegenden Bildkräfte und aufnahmebereiten Schaukräfte der Schüler.

Wäre ich zwanzig Jahre jünger, so würde ich eine normale Schule übernehmen, um in ihr das durchzuführen, was dann sich erweisen und still beweisen müsste. Bildvorstellungen vor dem Schüler entstehen lassen und von ihm selbst geschaffen werden, die unvergessbar sind. In diese Bilder aber würde sich vielfältiger Wissenstoff so einordnen, dass die unverbrauchten Kräfte des Schauens dem überlasteten Gedächtnis wunderbare Hilfe, Erleichterung und Ruhe brächten und es würden überraschende Kombinationen und Urteile herausspringen.

Alle Fächer und Disziplinen würde ich in Austausch bringen. Möglichkeiten ohne Ende! Wie aber wäre das zu leisten? Der Leiter der Schule muss es von Herzen wollen und mit allen Kräften antreiben. Die Schüler werden – ich weiß es aus Erfahrung – eifrigst zugreifen und erfinderisch mithelfen. Das leitet niemals zur Belastung, sondern zu Erleichterung und Erholung, zu entscheidender Ermutigung und aktivem mitmachen.

Auf keinen Fall Film, er macht die Augen stumpf und den Geist passiv. Aus Splittern und Scherben kann man mit seiner stillen Bildkraft Neues zusammen fügen.


Spannweite, Vom Leitbild des Menschen, 1957, Seite 136-145

Das Wesen, die Essenz, des Bauens ist der Urauftrag unserer Zeit. Um in seinem Gewissen dem Urauftrag zu folgen, muss der Baumeister, der schöpferische Mensch frei sein. Frei sein heißt: seine Aufgabe frei wählen und dann der erwählten Aufgabe mit Leib und Seele dienen. Also frei und allein. Wie so sich organisieren in einem Bund, ein Paradox? Hoffentlich ein produktives paradox.

Der Baumeister, das ist der Mensch, der die Kunst des Bauens meistert und so die Stätten, an denen die Menschen ruhen und sich regen, aufs beste gestaltet und beseelt. Die Geistigen Grundbegriffe sind Kunst, gestalten und beseelen. (3x west im syst dyn)

Gestalten und beseelen ist nur in demjenigen lebendig, der sich aus tiefster Seele müht, dem unsichtbaren Geist sichtbare Raumgestalt zu geben. Und auch in dem, der fähig ist, solche Raumgestalt durchschreitend und verweilend zu erleben. Zu solchem Erleben gebauter Räume sind naiv schauende und natürlich bewegende Menschen immer und auch heute fähig und begabt, sei es in ihrem unterbewussten Lebensgefühl solcher Einwirkung unserer Räume.

Wie so kann der Baumeister diese Bauten aus weiter Sicht und geistiger Verpflichtung heraus gestalten und gar beseelen wollen? So verstanden ist der Baumeister einer der wenigen, einer der letzten Berufe, der in einer sich aufspaltenden Welt mit seinem Werk den Sinn des Ganzen sucht. Wahrlich ein hoher Anspruch und eine tiefe Verpflichtung. Und nur die Verpflichtung rechtfertigt den Anspruch. Ein Leben aufs Ganze.

Kein einfaches Leben, kein leichtes und auch keineswegs ein gesichertes Leben. Es bleibt ein großartiges Abenteuer, in dieser gespaltenen Welt dieser Zugriff aufs Ganze. Es braucht den Mut zur Freiheit, den festen Glauben an die Uraufgabe und zäheste Ausdauer.

Er muss die insgeheime, noch keimhaft empfindliche Idee als ein fast träumender Mensch in der Stille in sich austragen und nähren und um die gültige Gestalt mit sich selber ringen. Er muss eine völlig ungesicherte Existenz willen, weil er ergriffen ist, besessen ist von diesem Urauftrag des Menschen, vom Bauen.

Wir spüren, wie das geistige Bild, das Leitbild unserer Lebensaufgaben, außerhalb gesetzlichen Ordnungen bleiben muss, wie bei allen freien Berufen.

Ein aus der Tiefe wirkendes Urbild, das ist, was wir Leitbild nennen. Das Ganze des menschlichen Lebens liebend zu begreifen ist das Leitbild des Baumeisters. Leitbild nicht verwechseln mit Vorbild. Ein Lehrplan setz ein Ziel des Lehrens, das heißt also: ein Bild des Menschen voraus.

Dieses Bild existiert nicht mehr. Wir haben das Bild, wir haben das ganze Gebäude, in dem dieses Bild wohlbehalten stand, einstürzen lassen. Besser wir selber haben es gesprengt und gestürzt. Wir müssen bereit sein gemeinsam aus den Trümmern ein neues Bild des Seins und ein Bild des Menschen im Sein zu gewinnen. Wie gewinnen wir klarere Sicht auf Bildung?

Ist es wirklich die durch Spezialwissen erschlossene und entfesselte Fülle des Neuen, die das Bild des Menschen überflutet und weggeschwemmt hat? Oder ist vielleicht erst mit dem weg sinken dieses Bildes der Damm gebrochen und die Flut zur Überschwemmung geworden? Was ist die Ursache, was Folge? Beide sind vielleicht eng verquickt.

Zum Ende befreien ist in uns zum Bild gestalten. Es ist eine Existenzfrage schlechthin warum wir das Bilden von uns abschieben. Angst vor Verantwortung aus Ratlosigkeit und diese Ratlosigkeit aus der Bildlosigkeit? Aus dem Fehlen eines inneren Bildes vom Ganzen, eines Leitbildes.

Auf der anderen Seite überlassen wir möglichst wieder Spezialisten die nicht verantwortlich sein könnten für das Ganze oder für die Auswirkung seiner Spezialarbeit auf das Ganze, zum Beispiel auf die Erhaltung oder Vernichtung des organischen Lebens auf dieser Erde.

Ist Spezialarbeit sachlich und der Blick auf das Ganze unsachlich? Sachlich ist der homo faber, er macht die Erde untertan. Dieses Wort ist heute in aller Munde, in unserem Gedanken und Herzen. Das Stichwort des alles erforschenden und spaltenden, des alles machenden, vom Stein-Keil bis zur Atom-Spaltung. Es ist der Freibrief unseres Gewissens geworden.

Jede Neuentdeckung gibt dem Homo faber unerwartete Kräfte und zugleich kaum zu beherrschende Macht in die Hand. Warum durchbricht der Mensch alle Masse und Grenzen?

Man hat diesem heroischen, etwas finster gewordenen homo faber einen liebenswürdigeren Bruder, den homo ludens beigegeben, einen in Gedanken und Phantasiegebilden frei spielenden Menschen. Trifft das auch auf den urmenschlichen Spieltrieb des Experimentierens zu, wie beim Spiel mit dem Feuer? Vielleicht sogar bis Haus, Hof und die Welt über seinem Kopf in Asche darliegen?

Um die Jahrhundertwende forderten wir reine Sachlichkeit. Die These war damals unbedingt notwendig und heilsam. Sie gab den Blick frei für die neuen praktische Bauaufgaben und für die reinliche Anwendung neuer Konstruktionen. Beides echte Bestandteile der Baukunst. Aber sie wurden zum isolierten Wertbegriff erhoben; zum ästhetischen und sogar moralischen Wertbegriff. Die im lebendigen Ganzen der Baukunst verselbständigte Konstruktion entartete daher zum Konstruktivismus.

Das ist der Urauftrag des Menschen auf der Erde. (1. Buch Moses zweites Kapitel)

Alle Lebewesen der Erde und alle Kräfte der Schöpfung sind vor ihn gebracht, nicht nur, damit er sie untertan mache, sondern sie sind ihm anvertraut; sie sind ihm, dem mehr und mehr Wissenden ins Gewissen gelegt, dass er sie nenne und deute und gestalte, und also erlöse. Das ist das Leitbild des schöpferischen Menschen, von Adam bis heute.

Ein Ding nennen bedeutet, sein verborgenes Wesen finden, es deuten und fassen im Wort, im Klang und in sichtbarer Gestalt, und damit dieses Wesen sowohl bannen wie zur Wirkung freimachen, das heißt: erlösen.

Neben homo faber und homo ludens, müssen wir auch ein homo amans et creans als Leitbild nehmen.

Huis Wylerberg in beeld


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