Spannweite

Wichtige Themen von Otto Bartning in der Linie des Kristallgedankens

Spannweite, Vom Monismus der Kunst 1909, Seite 26-28

Monismus: Die Erkennung, dass alle Erscheinungen des Lebens untereinander zusammenhängen, sich gegenseitig bestimmen und somit Teile eines Ganzen sind.

Bartning beschreibt hier im kurzen die Grundrisse eines funktionellen Paradigma, wie artes Sophiae unabhängig von Bartning nahezu 50 Jahre später, dass weiter entwickelt hat. (Ab Anfang 1900 von dem neuen funktionellen Paradigma)

Diese Erkenntnis ist der fruchtbare Kern des Monismus und muss alle Gebiete des Lebens und Arbeitens durchwachsen. Der Gedanke ist nicht neu, aber neu ist wohl, dass er uns klar vor das Bewusstsein getreten ist.

Es ergeben sich daraus zwei Aufgaben, zwei Richtungen unserer Arbeit.

Die eine ist die Analyse, das andere die Synthese. Keine von beiden trifft allein das Richtige, beide gehören zusammen, können ja nicht ohne einander bestehen. Analyse und Synthese sind natürliche und notwendige Funktionen des menschlichen Vorstellungs- und Denkvermögens. Wichtig ist das Gleichgewicht zwischen Analyse und Synthese herzustellen. Siehe hier die Essenz von System Dynamik, wie artes Sophiae das entwickelt hat.

Der Analyse: Die lebendig verschlungene Fülle der Gedanken- und Erscheinungswelt in Teile auflösen, um diese quantitativ zu erforschen. In der Naturwissenschaft wird diese Richtung Materialismus genannt. Die Welt zerfällt in eine immer mehr sich differenzierende Menge von Kräften oder Stoffteilen, die so und so aufeinander wirken in Wechselwirkungen aufeinander einwirken. Warum und zu welchem Ende darf nicht gefragt werden, das wäre Irrtum, das wäre Metaphysik. Alles ist Zufall, der auch die kleinsten Teile durcheinander schüttelt.

Der Synthese: Alle Erkenntnisgebiete untereinander verknüpfen, um die Erscheinungen in ihrem qualitativen Zusammenhang zu begreifen, denn nur aus dem Ganzen begreift man die Teile, besser die Glieder.

Bartning redet von Analyse und Synthese, weil er auch die Kunst in ihrem Zusammenhang begreifen (analytisch) und verstehen (synthetisch) wollte. Nur analytisch wird Kunst reiner Artismus, reiner Formalismus (zerfallend in Formen). Dagegen soll die Kunst uns zum Leben führen. Zum Beispiel ist Rhythmus das Synthetische in der Musik, da sie das Viele in Eines verbindet. Das Eine ist die Idee, der geistige Inhalt, die nur die große Einheit der Form schaffen konnte.

Synthese in der Architektur will Raumgebilde mit einer gewissen Raumspannung. Alle Bauteile und Bauglieder werden zusammen gefasst zu einer einzigen Wirkung, zu einem Ganzen. Raumgebilde nach außen ist Raumfolge im Innern.

Philosophie strebt nach Metaphysik, Musik nach Gesetz und Rhythmus, Dichtung nach Gedanken, Malerei nach Aufbau und Gestalt, Baukunst nach Raum. Raum der wie eine klare und deutliche Gestalt, mit raumgestaltenden Elemente, sich darstellt, den Mensch umschließt, wie ein Hohlgebilde, wo (in dem) der Mensch sein Leben erfüllen könnte.

Wir brauchen eine neue Wissenschaft von den Elementen des Raumes, ein Gefühl des Raumes, eine Kunst des Raumes. Im kurzen Funktion, das Funktionelle mit den Raum schaffenden Elementen.

Spannweite, Das Werkbundproblem, 1914, Seite 29-31

Dieses Aneinander-Vorbeireden ist kein unglücklicher Zufall, sondern eine unheilvolle Notwendigkeit des (ontologischen Paradigmas, A.V.) in ihrer Zwitterhaftigkeit zwischen Teile und dem Ganzen. Eine Zwitterhaftigkeit zwischen dem produzierenden Prinzip (das Schaffende) und der Produktion der Produzenten. Schaffen heißt produzieren in einem Zusammenhang mit dem Ganzen und nicht nur Teile assemblieren ohne Rücksicht auf das Ganze. Das bildnerische Denken versucht diese Zwitterhaftigkeit zu ermitteln in klaren Bildräumen mit deutlichen Begriffen.

Spannweite, Ohne Schnörkel, 1948, Seite 32-34.

Bartning zögert nicht zu behaupten, dass die Jahre 1920 bis 1930 die lebendigste Epoche der bildenden Kunst seit hundert Jahren war. Die 1920er Jahre (von 1920 bis 1930) waren eine lebendige, glühende und wahrhaft berauschende Epoche, fast einzigartig in ihre Vitalität. In dieser Epoche entfaltete sich der Grundgedanke von 1900. Das Schaffen bekam damals auch ein Beiklang des Sozialethischen. Die werkgerechte, sachgemäße und also sparsame Form war sittliche Pflicht des Schaffenden geworden. Weiter soll das Schaffen in seiner tiefen Verpflichtung aristokratisch sein, radikal in seinem Drang vorwärts, seinem Wesen nach universell.

Bartning: Möbel, Häuser und Kirchen dürfen nicht nur Gebrauchsgegenstände sein, sie müssen Gestalten der Seele sein, denn sonst geben wir Steine statt Brot. Die Form (so meinte Bartning) IST der sichtbare Leib des Wesens, und gerade in `unserer Armut´ können wir es uns nicht leisten, ein einziges Gerät herzustellen, das nicht zugleich `eine Speise der Seele ist´. Diese Form ist nicht teurer, sondern sie ist sachgemäßer und dennoch preiswerter. Diese Form zu suchen, zu schaffen und zu vertreten ist unsere Pflicht. Dieses Streben war noch eine Untergrundbewegung und fragt ein eng zusammenstehen und ein klares Profil. Es geht darum Sinn und Gestalt des Daseins zu erkennen, zu wollen und zu bilden. Das Dasein neu erschaffen mit einem reinen Sinn und einem klaren Kopf, braucht, wie beim Bau der Mauern von Jerusalem, gut geschliffene Meißel.

Spannweite, Zur Neubegründung des Werkbundes, 1949, Seite 35-36

Wo bleibt die Kunst im Bauen? Ist sie ein Akzidens, ein Luxus, dem kein Raum bleibt im Engpass der Werkstoffe und der Zahlen? Ganz im Gegenteil: nur der Architekt, der Werkstoffe und Zahlen völlig beherrscht, kann sie zur Form, zum stillen Klang der Proportionen sowohl der Räume wie der Fenster und Türen und der Geräte bringen. Eine höchst bescheidene, zugleich schier unermessliche Aufgabe. Gilt es doch für das grässlich verstimmte Lebenslied der Menschheit den neuen Ton zu finden. Vielleicht die Größte, die extremste Aufgabe, die jedem Baumeister gestellt wurde. Sie erfordert Willenskraft, Klugheit und – Liebe zu den Menschen. Denn nicht trotz, sondern wegen unserer Armut können wir´s uns nicht leisten, irgendein Gebrauchsding zu machen, das nicht zugleich eine Speise der Seele wäre.

Spannweite, Die Baukunst als Deuterin der Zeit, 1922, Seite 37-38

Unsere Zeit ist chaotisch, alles Feste und Erstarrte hat sich in wirres Durcheinander aufgelöst. Es gibt keinen Ausweg und keinen Rückweg. Wir können nur festhalten an dem Einfachen, dem Einfältigen. Bartning glaubt in das ahnende Schauen des Ureinfachen, Ureinfältigen, das uns zwingt neu zu erschaffen.

Die Baukunst scheint mir die ehrlichste Zeitdeuterin, weil sie, mit dem zähesten Stoff ringend, nicht leichthin spielt, sondern tut, was sie nicht lassen kann. So betrachtet, scheinen auch Skizzen und utopische Entwürfe wohl das phantasievolle Hoffen und Wünschen einer Zeit widerzuspiegeln; das dieser Zeit von Gott gegebenen Können und Vollbringen wird aber am gebauten Bauwerk erkennbar. Auf gebauten Bauwerke die Hand zu legen und zu sagen: siehe, dies ist es, dies ist die Gestalt dessen, das wir suchen: Werke wo man das Wirken fühlen konnte.

Das Lebendige ist rund und allseitig. Der Formwille ist lebendig. Er will das einfache Raumelement formen, er will die Raumelemente zueinander und auseinander dynamisch bewegen, nicht willkürlich und subjektiv, sondern nach dem ureinfachen Gesetz rhythmischer Bewegung und den ureinfältigen Gebot des Handwerks. So, glaubt Bartning, müssen wir Herz und Sinne offenhalten für Menschen und Werke, in denen aus dem Chaos das Ureinfache wächst, der nach bewegendem Willen sich ordnende Stoff Gestalt wird.

Spannweite, Über altes und neues Handwerk, 1924, Seite 39-41

Die Kultur, die Gegenstand öffentlicher Pflege wird, ist meist schon unheilbar krank oder bereits gestorben.

Wer ein Werk vergangener Jahrhunderte ernsthaft betrachtet und der darin eingeschlossenen Seele still nachspürt, der wird gewahr, der konnte es wieder beleben.

Aus den Wurzeln kann es neu treiben, wird es neu treiben, irgendwo und irgendwie. Wurzelverwandt konnte das neue Handwerk an das alte Handwerk sein, wenn sie einander im Schaffen von Innen heraus verstehen.

Der schaffende Mensch ist Handwerker, der formschöpferische Mensch wächst im Handwerk, schafft im Handwerk, gibt dem Handwerk zunftgemäss höchsten Sinn.

Die Arbeitsteilung in Entwurf und Ausführung, zwischen Künstler und Handwerker, soll sich herstellen in eine zusammenfügen. Einander päppeln schöpferisch zu werden. Wichtig ist, dass das schöpferische Vermögen nicht lehrbar ist, deswegen bleibt das Handwerk Wurzelverwandt von dem die Baumkrone wachsen kann.

Handwerker werden, Handwerk lernen und treiben, nicht als bloße Brücke zur Kunst, sondern als Lebensgebiet und Lebensberuf, in und aus dem sie schöpferisch arbeiten.

Dazu gehören persönlicher Mut, Charakter, Willensstärke, innere Unabhängigkeit, ruhiges Abwarten des Erfolges – alles Eigenschaften, die eben überhaupt zum rechten schöpferischen Menschen gehören, heute aber wenig geschätzt sind.

Es handelt sich um schöpferischen Aufbau des neuen Werkmenschen, des neuen Werkstandes aus innerer und äußerer Lebensnotwendigkeit heraus.

Das Wie entsteht aus einer Subjekt- und Objektbezogen Grundhaltung, wie von artes Sophiae entworfen.

Einstweilen bleibt es dem einzelnen überlassen, den Weg zu ahnen, zu suchen und zu erarbeiten. Es liegt im Wesen der Sache. Schließlich ist das Leben immer wieder jung, gesund und fruchtbar.

Spannweite, Nach einem inneren Gebot, 1926, Seite 42-44.

Starke Gegensätze geben ein Bild von der Polarität aller Lebensvorgänge.

Aufwärts Steigerung der Einzelpersönlichkeit, abwärts Vereinsamung und Absonderung.

Aufwärts wirklicher Gemeinschaft, abwärts Individualismus.

Aufwärts organische Belebung und Dynamik, abwärts Mechanisierung und Erstarrung

Dazwischen die ungeheure, zuweilen schmerzhafte Spannung.

Aufwärts das Allzu-menschliche, abwärts das Un-menschliche, dazwischen das wahrhaft Menschliche.

Es ist Aufgabe und Schicksal wahren Menschentums und damit wahrer Kunst, immer wieder den Ausgleich zwischen diesen polaren Spannungen und damit den lebendigen Funken auszulösen.

Stets haben Programme und Doktrinen zu den Extremen geführt. Stets waren sie eindeutig, einseitig, leicht fassbar, propagierbar, reklamefertig – und dabei dem Wesen nach schon tot.

Wahre Menschen, wahre Wissenschaft, wahre Kunst entwickeln sich ans wirkliche Leben, ans Natürliche, ans Gewachsene, immer dazwischen stehend, oft von beiden Seiten bekämpft und doch dazu bestimmt dem Leben zu dienen.

Solches Menschentum folgt seinem Wesen nach und trägt sein natürliches Gesetz in sich und entfaltet es in der Stille.

Wenn wir daher in unserer Schule (wie artes Sophiae) als Menschen am Menschen arbeiten, so geschieht es in der Stille, mehr nach einem inneren Gebot, als nach einem äußeren Programm.

Jede Erscheinung der Welt fließt zusammen aus zahllosen Quellen und Wurzeln der Vergangenheit, wird durch die Tat zur sichtbaren Form der Gegenwart und zerfällt wieder, gleich der reifen Frucht, um tausendfältigen Samen in alle Windrichtungen der Zukunft auszustreuen.

Bartnings Mitarbeiter wissen, wie sehr er dem ungesprochenen Wort huldige, als einer Kraft der Seele, die nicht scheidet und tötet, sondern verbindet, schafft und zum Bauwerk gestaltet.

Bauen in diesem umfassenden Sinn heißt: die ungeheure Zerrissenheit unserer Zeit verbinden mit ihren großen Möglichkeiten. Unser Dasein, soweit es im Sichtbaren verläuft, ordnen und dadurch vereinfachen, gestalten und dadurch beherrschen, formen und dadurch deuten.

Das heutige Leben ist hart; wer darin wirken will, muss eine sichere Hand und stählernes (system-dynamisches) Werkzeug haben, damit er sein Herz empfänglich und sein Gewissen rein verewigen kann.

Spannweite, Die Technik im Dienste des Wohnens, 1928, Seite 45-47.

Wie formen und ordnen (ins Verhältnis zueinander bringend) wir unseres Daseins, möglichst einfach der Sache gemäß? Wie entsteht lebendige Vereinfachung?

Formen und ordnen ist hier als ein ins Verhältnis zueinander bringender dynamischer Prozess gemeint, in dem man in der Spannung der extremen Polaritäten, wie auf einem Hochseil die Balance und das Gleichgewicht finden muss. (Skai)

Es gibt recht viele Systeme. Es fehlt die Erfahrung. Das fragt Mut zum Versuch Erfahrungen zu sammeln und eine ruhige einfache menschliche Einstellung.

So entsteht die Aufgabe, sich so weit möglich außerhalb der Einzelprobleme zu stellen, um diese recherchierend im großen Zusammenhang zu sehen. Um diesen Zusammenhang untersuchen zu können, muss man auch ein passendes Werkzeug einsetzen oder auch dazu entwickeln, um die Interaktion zwischen unwesentlich und wesentlich, von Mittel und Zweck zu klären. Zum Beispiel, technische Schnelligkeit ist vielleicht ein Mittel, wird Schnelligkeit ein Zweck an sich, endet der Mensch früher oder später im Irrenhaus.

Tatsächlich versucht Technik sich unseres Körpers, unserer Seele, unseres Geistes zu bemächtigen, wenn es uns nicht gelingt, sie in unsere Gewalt zu zwingen, sie unserem Zweck dienstbar zu machen, dienstbar zu halten.

Die Aufgabe ist größer als man denkt, sie war und ist und bleibt die Aufgabe des Menschen überhaupt und heißt: den tieferen Zweck oder Sinn des Daseins erkennen und erfüllen. Nicht durch Ablehnung der Umwelt (Technik, usw.), nicht durch betäubte Hingabe an die Umwelt (Technik), sondern durch eine Durchdringung, Ordnung und Strukturierung der technischen Umwelt, im materiellen und geistigen Sinne, um unser Leben wahr und klar zu machen.

Wir müssen bewusst ein gemeinsames ganzheitliches Ziel verfolgen: den Körper, die Seele, den Geist gesund zu machen, frei zu machen, stark zu machen, zu heilen. Nicht nur frei von materiellen Bedingungen, sondern auch frei wozu. Die Bereitschaft üben als Gestalt des Geistes.

Unser ganzes Sein will sich formen gleichsam zu einer wunderbar einfachen, klaren, spiegelnden Schale. Wozu aber spannt sich die reine Form der Schale? Zur reinen Erfüllung unseres innersten Seins, zu echter Religion. In dieser Schale will unser Menschsein sich erfüllen.

Spannweite, Überlieferung und bewusste Kunst, 1915, Seite 51-54

Die Ursache der Haltlosigkeit und Willkür der damaligen Moderne kann man darin erblicken, dass man aus dem Nichts heraus einen neuen Stil hatte erfinden wollen, statt ihn ruhig und folgerichtig aus der Vergangenheit ... heraus zu entwickeln, ...

War und ist solches Zurückgreifen auf Traditionen nicht ein natürlicher, ein logischer, ein historisch erprobter Weg zur Gesundung und zur Weiterentwicklung?

Der Gedanke..., den verlorenen Anschluss an eine Tradition wiederzugewinnen, um festen Fuß zu fassen und von da kräftig auszuschreiten, waren seinerzeit durchaus wichtig. Das halten wir fest.

Aber ebenso deutlich ist es, dass unsere Traditionsbewegung sich wesentlich von den früheren unterscheidet. Man muss nicht nur kopieren, sondern auch etwas völlig Neues und Lebendiges schaffen. Das Wesentliche der vergangene Tradition nicht nur begreifen und verstehen, aber auch aneignen durch die künstlerische Sprache ihrer Quellen zu sprechen.

Keine Form tritt auf, weil sie überliefert wäre...., sondern die Neuschöpfung erzeugt jede Form durchaus notwendig aus sich heraus als den sinnfältigsten, einfachsten Ausdruck neuen Bauwillens, des neuen Bauinhalts.

Es ist selbstverständlich, dass ein schöpferischer Künstler auch in Formen der Tradition sich schöpferisch ausprägen wird, ... nicht nur eine kleidsame traditionelle wesenlose Form nutzen.

Dem erwachenden Bauinteresse und Bauhunger werden Tag für Tag Steine gegeben statt Brot, Form statt Wesen, Tod statt Leben. Wie kann man ein Bauwerk nicht nur konstruieren, sondern auch finden (nicht erfinden).

Bauen heißt Räume schaffen. Entwerfen heißt die einfachste Form finden. Der einfachen Fassbarkeit. Grundriss ist keine Sache für sich, sondern nur die senkrechte Projektion der Gesamtvorstellung des Bauwerkes, Aufriss und Schnitt sind waagerechte Projektionen.

Denn zuerst kommt die Gesamtvorstellung, die Idee des Gebäudes in den Kopf des Künstlers, dann folgen die Projektionen, die Aufzeichnungen. Eine Lösung des Entwerfens liegt erst dann vor, wenn der gesamte Entwurf der klarste, einfachste Ausdruck der Idee geworden ist.

Damit ordnet sich auch das Verhältnis der Formen zum Wesen, indem die Formen ausschließlich die Aufgabe haben, die wesentliche Gesamtvorstellung aufs deutlichste und klarste auszudrücken.

Es ist ein trivialer Glaube, dass moderne Formen eine moderne Baukunst erzeugen könnten. Wohl kann eine neue Bauidee neue Ausdrucksformen gebieterisch fordern und als Bild ihres Wesens aus sich hervortreiben, andernfalls bleiben alle neuen Formen wesenlose Dekorationsflitter.

Das Wesen der Baukunst ist bewusste Kunst und damit wird eine klare Grundlage für alles Werdende geschafft. Was aber wird nun werden? Aus der Vergangenheit gekommenen Begriff des gegliederten, artikulierten Bauwerkes und eine Entwicklung zum rein Monumentalen, d.h. zum Ausdruck die in gewisse Verhältnisse gebrachte Masse, ... von Formlosen Materiale.

In allen lebendige Zeiten waren die architektonischen Detailformen nicht nur räumliche Gliederungen und Verdeutlichungen, sondern stets der höchstbildsame Ausdruck des dem Gebäude innewohnenden Bauwillens,...

Plastische Kraft ist der Ausdruck eines immanenten Willens, wirklich nur den Ausdruck ihres eigenen Willens, so wäre das die einzig mögliche und gesunde Entstehung der neuen Formen, das heißt eine neue Formensprache. Doch hier beginnt ein Weg, der nicht mit Worten, nur mit wirklichen Taten zu beschreiten ist, weil es sich um ein wirkliches Schaffen handelt.

Spannweite, Liebe zum Holz, 1956, Seite 55-62

Von Liebe zum Holz zu reden, klingt das nicht hoffnungslos romantisch?

Ich habe mir aber einen Leitfaden notiert, an Hand dessen wir zu einem Ergebnis gelangen wollen, dass das, was wir wegwerfend Romantik nennen, zuweilen hellsichtige Vorwegnahme später Erkenntnisse und höchst realistischer Sachverhalte ist, und dass auch unsere Liebe zum Holz eine solche uralt begründete helle Sicht und Einsicht in Zusammenhänge ist, die wir heutzutage messen und berechnen können – und hoffentlich morgen befolgen.

Vorstellungen kann man auch erfahren, erfahren aber heißt fahren. Deshalb schwöre ich auf Anschaulichkeit. Gerade in unserer Welt riesenhafter, unvorstellbarer Zahlen und Statistiken ist die Anschauung, ist die unmittelbare Erfahrung und Erkenntnis der Augen und aller Sinne ungeheurer wichtig. Denn wir sind in der akuten Gefahr, durch nicht vorstellbare Mikro und Makrozahlen auf das natürliche Urteil zu verzichten und dabei – zwar nicht den Verstand, aber die Vernunft zu Verlieren! Dann aber droht, das ahnen wir, absolute Lebensgefahr!

Eine ganz neue Art der Anschauung schenkt das Fliegen. Das Fliegen ist, was Einsicht anbelangt, das Korrelat zum Wandern. Dazwischen liegt das Autofahren.

Das sind Ein-sichten, Er-fahrungen von solcher Vehemenz, das sie einem ans Herz und erst übers Herz ins Bewusstsein greifen.

Wir misstrauen heute dem Gefühl von Grund auf und überhören seine leisen Warnungen, weil dieses Gefühl statt genauer Zahlen und brauchbarer Beweise nur so törichte Worte wie schön oder natürlich gebraucht.

Aber jeder von uns kennt unterbewusste Gefühlsreaktionen, die durch die Augen, die Ohren, das Tastgefühl, ja auch durch die Nase uns merkwürdige Signale und Warnungen geben – deren wir uns aber als moderne Menschen schämen und die wir mit Messinstrumenten, Diskussionen und Statistiken schnell zum Schweigen bringen. Aber meistens war der Eindruck jener ersten Minute verdammt richtig. Solche Eindrucke sind verlässlicher als hundert Teste mit ihrem dezimal-genauen Resultat. Dieser stille Eindruck ist wahrscheinlich unser schweigender Lotse im heutigen Nebel – und unsere letzte Rettung im morgigen Sturm.

Holz, Stein und Lehm sind die Urstoffe des Bauens auf dieser Erde. Holz in einem ganz besonderen Sinn. Holzbau bedeutet ein Gefüge, eine konstruktive Entfaltung und Gliederung der aus der Schwerkraft der Erde sich erhebenden Kräfte. Holz ist also der Urstoff des konstruktiven Bauens. Wo auf der Erde Holz wächst, da baut der Mensch mit Holz. Weil Holz Zug- und Biegefestigkeit und eine lebendige Sehnigkeit hat und deshalb sieht man überall dieselben Konstruktionen.

Madeira heißt Holz und Wald. Materie, der philosophische Urstoff, ist Holz. Und bei Aristoteles heißt dieser Urstoff Hyle, und Hyle bedeutet griechisch Holz und Wald. Es zeigt, wie urverwandt dem Menschen das Holz war und ist. Es zeigt aber auch, wie die frühe Philosophie gerade das kraftgespannte, struktive Holz dem Urelement der Welt gleichsetzte, dem Urelement, mit dessen kraftgespannten, struktiven Eigenschaften...und es spielt sich innerhalb der Masse und der Fasern des Balkens die Funktion des Dreiecks ab, nämlich mit Zugzone, Druckzone und Abstand dieser Zonen voneinander.

Zu diesem statischen Fühlen, Sehen, Denken und Wissen von der Aufgliederung der Kräfte in gelenkig, verbundene Stäbe und vom unverschiebbaren Dreieck ist das Holz unser Lehrmeister, seit Jahrtausenden. Nun gelangen wir zur scharf berechneten verleimten Holzkonstruktionen, die alle vorherige Zimmermannserfahrung weit übersteigen.

Holz ist und bleibt der immer bereite und vertraute Baustoff. Er ist gefügig und wirtschaftlich in jenen Handwerkerhänden, in denen Erfahrung wirksam ist, uralte Erfahrung des Menschen im Umgang mit dem Holz.

Denn eine der unübertrefflichen Eigenschaften des Holzes ist und bleibt sein akustisches Verhalten. Darin ist Holz wirklich nicht nur der älteste, sondern der beste, der intimste Freund des Menschen.

Spannweite, Das Zelt in der Wüste, Seite 64

Wir sind nun Kenner der Wüste geworden, der äußeren wie der inneren. Die äußere Wüstenei sind die sichtbar zerstörten Städte in und nach dem Krieg, die innere Wüste ist zu finden in Menschen, die mitten in aller Wohlgeborgenheit oder Zerstörung unsichtbar sich ausbreitet.

Wir haben erfahren, was es heißt, wenn alle gelernten Worte versagen und wenn jenes zweite Ich wortlos nach jenem ewig Ungenannten ruft, der in uns wirkt und dessen Wirken allein der Sinn unseres Lebens und Überlebens ist.

Wo aber zwei oder drei in der Wüste sich treffen und am besonderen Blick der Augen sich erkennen, da bleiben sie beisammen und bauen mit einander ein Zelt, um ihre Gemeinschaft des Geistes sichtbar und also auch in den Sinnen wirksam zu machen. Mit anderen bilden sie eine Gemeinschaft des Schweigens, des zögernden Redens und des plötzlichen Betens und Singens.

Seht, diese vom Boden auf zueinander geneigte und zum Rund sich schließende Konstruktion, sie ist ein solches Zelt in der Wüste. Wir wissen aber, dass gerade in der Wüstenei der Stadt, dass in der Not und Verwirrung der Seelen die klare Ordnung, die Einfalt und unbedingte Ehrlichkeit dieses Zeltes von tiefster Bedeutung sind.

Spannweite, Erneuerung aus dem Ursprung, 1946, Seite 65-68

Wer wüsste nicht, wer hätte nicht erlebt, wie die Gestalt des Raumes, die Art des Lichtes zu Boden drücken oder aufheben und aufleuchten lassen können. Die Art des Gebens könnte den Lebenswert der Gabe zerstören oder ihn verdoppeln und verdreifachen. So wichtig ist der Wert des Sichtbaren!

Im Geistigen wissen wir, dass die Aufgabe nicht lösbar ist, wenn wir die Notlage nicht erkennen und erkennbar machen, das heißt: ausdrücken, sichtbar machen. Der Gedanke ohne Wort, der Inhalt ohne Form, lebt nicht. Die tiefste seelische Not macht feinfühlig für die Einfalt und Lauterkeit der Beziehung zwischen Gedanken und Wort, also für die echte `Schönheit´ der Gestalt. In diesem besonderen Sinne ist `schön´, der Seele eine Botschaft aus dem ewigen Zusammenhang der Dinge, aus dem `Kosmos´ (dem `Schöngefügten´) bringen.

Den Wert der greifbaren, sichtbaren Form, in der das Wirken, die Tat sich darstellt, muss man hochachten. Aus diesen Werten entstand Anfang 1900 der Deutsche Werkbund. Er bemühte sich um die klare, material- und naturgemäße, reine, echte Form, kurz, um die `Qualität´. Zweck des Bundes ist die Veredlung der gewerblichen Arbeit im Zusammenhang von Kunst, Industrie und Handwerk. Dieses Kriterium der Qualität ist nicht dogmatisch definierbar, sondern konnte nur durch den menschlichen, sittlichen und schöpferischen Wert der Persönlichkeiten und ihrer Arbeit und Werke dargestellt werden. Wahrhaftigkeit gegenüber der Aufgabe und Freiheit der Form, das war der sittliche Grund, aus dem die Verschmelzung von Inhalt und Form, der `Wert´ gefordert wurde.

Trümmer alter Bauten reden auf geheimnisvolle Weise von ihrer inneren Echtheit und Einfalt. Dort war der Inbegriff des Bauens und des Werkschaffens zu finden. Die Werkschaffenden müssen in der Welt des Greifbaren das Gewissen ihres Volkes sein.

Sie schaffen nicht nur aus Not höchst zweckmäßig, sondern sie formen zum Beispiel Geräte zu gültiger und zu schöner Gestalt. In einfachsten, reinen, gültigen Gestalten, so ist das Rettung der Seele durch Gestalt, Ahnung des Kosmos – Religion. Das ist der tiefste Grund alles Denkens und Dichtens, alles greifbaren Verdichtens und sichtbaren Gestaltens. Wir können die Seele nur retten in lauteren Gedanken und reinen, gültigen Gestalten. Der Ansatz und der Wille dazu gelingen nur in aller Bescheidenheit und irdischen Unvollkommenheit. Damit ist ein Weg aus der Wüste des Elends und aus der Wüste des Überflusses gezeigt.

Karl Jaspers (Heidelberg): Die Erneuerung aus dem Ursprung müsste die Universität erweitern auf alle großen menschlichen Anliegen unseres Zeitalters und zugleich ihre Einheit wiedergewinnen. Die Wiederherstellung der alten Einheit ist das größte Problem der Universitätsgestaltung. Zum Beispiel Philosophie und Theologie zu verknüpfen mit die Wirkung von Raumproportion, Licht, Farbe oder Grundrissordnung.

Wie manches liturgische Problem im Raume klar wurde, wie manches archäologische Rätsel sich handwerklich löste, wie mancher pädagogische Wunsch in der Gestalt der Schule seine Erfüllung fand!

In gesteigertem Masse wird für das Handwerk, die erfinderische Geschicklichkeit der Hand wichtig, das Handwerk bleibt der ewige Mutterboden der Technik. Nur das Handwerk vermag ein Ding so zu vollenden, dass es vollkommen ist. Manchen ganz Entwurzelten und Verzweifelnden sah sich im einfachen Handwerk zu innerem Gleichgewicht und Frieden kommen. So stellen sich alle sichtbaren Dingen vor unser Gewissen als Zeichen des Seins.

Spannweite, Kitsch ist Lebensangst, Seite 69-70

Jeder neue Zeit fordert einen neuen Menschen. Wir brauchen den frohen Mut zum neuen, zum einfachen, Aufrichtigen und Gesunden, kurz den Mut zum Glück und zur Freiheit. Aus ihr müssen wir erst wieder die unserer Armut gemäßen, einfachen und ehrlichen Formen und Ordnungen neu finden und gestalten, um durch sie und in ihnen wahrhaft frei zu werden. Das ist die große Aufgabe unserer Zeit. Leider wächst in dieser Zeit, in der nur Liebe helfen und raten könnte, die Selbstsucht, die enge des Herzens, d.h. die Angst vor der einfachen Wirklichkeit, die Flucht in Träume und rosenrote Filmwelten, usw. Und das Erzeugnis dieser Angst ist, was wir mit dem Sammelwort Kitsch bezeichnen.

Denn Kitsch heißt, mit unechten Mitteln sich und anderen etwas vortäuschen. Statt unseres heutigen Daseins mutig ins Auge zu fassen und innerhalb dieser Tatsachen unser Leben ehrlich zu bestehen. Die gegebene und also aufgegebene Wirklichkeit bejahen. Lebensangst und Lebensflucht umsetzen in Ehrlichkeit des Fühlens, Klarheit des Denkens, Einfalt des Redens und Tuns. Nur diese Ehrlichkeit, Klarheit und Einfalt geben das Recht und die Kraft zur Freiheit. Diese Freiheit aber muss, wenn sie ein Ganzes ist, auch sichtbar und wirksam werden in der täglichen Form unseres Lebens, Arbeitens und Feierns, nicht zuletzt also in der sichtbaren Gestalt unserer Wohnung.

Es hat keinen Sinn, Ehrlichkeit, Klarheit und Einfachheit im Bauen und Bilden zu fordern, wenn der Wille zur geistigen Einfalt und der Stolz der Armut fehlen die Geradheit des Wesens zu bilden und bauen. Nur aus dieser Wurzel, aus diesem Mut zur Wirklichkeit können wir beginnen zu bauen und zu bilden.

Spannweite, Gibt es für unsere Städte noch Hoffnung?, 1947, Seite 71-72

Wenn Fragen mit lauten und widersprechenden Parolen beantwortet werden, so deutet das meistens darauf hin, dass ihr stumme Vorfragen zugrunde liegen. Diese Grundfragen nicht zudecken, sondern mit Einfalt und Ehrlichkeit ins Auge fassen.

Welche Dominanten gelten uns heute noch, und mit welchem Gewicht? Die vergangen, heute und morgen gültige Dominanten in lebendige Beziehung und Harmonie zu setzen, das ist Sinn und Aufgabe des Daseins zu erkennen, zu wollen und zu bilden in ernster, stiller Arbeit.

Spannweite, Mensch ohne Raum, Seite 73-?

Mensch im gemeisterten Raum ist der Schöpfer und Träger wirklicher Ordnung. Der stille, beharrliche Fleiß zur einfachen Ordnung und gültigen Gestaltung des eigenen begrenzten Raumes; nicht des selbstisch abgeschlossenen Raumes, sondern des Bereichs von Menschen und Dingen, den man mit seiner persönlicher Arbeit und Liebe durchdringen, beleben, erwärmen und formen kann. Einfalt ist die reife Frucht. Sie ist das Kennzeichen jener stillen Meisterschaft. Die im Kleinen wie im Großen sich auf das ihr gegebenes Maß begrenzt und eben darum sich vollenden kann. Nur solche durchwirkten und gemeisterten Lebensräume können sich ergänzen und zum Größeren verbinden.

Spannweite, Bauen – die höchste Betätigung, 1932, Seite 82-84

Bauen ist mit dem Leben überhaupt von der Wurzel aus verbunden.

Auf der einen Seite die Wurzelkraft einfachster Lebensnot (Lehmhütte, Wohnlaube), auf der anderen Seite der höchste Aufschwung zum ewigen Werk (Pyramide, Tempel, Kathedrale). Innerhalb dieser Spanne liegt alles Bauen.

Das Wirken dieser beiden polaren Kräfte lässt sich in philosophisch-ästhetischen Systemen darstellen. Das Wirken dieser beiden Kräfte wird zum funkensprühenden Erlebnis, wenn Bauherr und Baumeister sich finden.

Der Mensch schwankt zwischen Lebensangst und Raumangst. Daher sucht er die Ruhe des Seins im umschlossenen, geordneten, still und harmonisch geformten Raum. Die geängstigte Seele muss sich diese Raum formen zur Ruhe, zur Sammlung der Widerstandskraft, sie muss die Raumangst schöpferisch bezwingen und wandeln zur Raumlust.

Die Erfüllung der praktischen Not mittels der besten Konstruktion zu einer Befreiung der Seele – das ist Baukunst. Das Finden von der besten, sichersten und klügsten Konstruktion mit dem gegebenen Material, das war und ist das Geheimnis allen echten Bauens. In allem echten Bauen sind Zweck, Mittel und Gestalt untrennbar verbunden.

Bauen ist Erfüllung des Zweckes mit den besten Mitteln durch Gestaltung des Raumes, Gestaltung der Räume zueinander und Gestaltung des alles umfassenden Baukörpers. Das und nichts anderes ist die lebendige Schönheit eines Bauwerkes.

Am klarste